Wasserkraftwerke (WKW) mit Turbinen und Wehrüberfällen können zu erheblichen Verletzungen oder zum Tod von Fischen führen, was sich wiederum in einem Rückgang der Fischbestände auswirken kann. Horizontale Feinrechen mit einem Bypass-System (HBR-BS) sind eine wirksame Fischschutz- und -leittechnik, um solche Auswirkungen zu mindern. Das vorliegende Projekt zielt darauf ab, die Effizienz und Hydraulik der Fischleitung des HBR-BS am Dotierkraftwerk Schiffmühle an der Limmat durch Feldversuche und hydro-numerische 3D-Modellierung zu untersuchen und Lehren für die Verbesserung solcher Fischschutz- und –leitsysteme zu ziehen.
Die erste Feldmesskampagne wurde im Oktober / November 2018 durchgeführt. Es wurden 3D-Strömungsgeschwindigkeiten aufgenommen sowie Bathymetriemessungen mit dem Ultraschall-Doppler-Profil-Strömungsmessgerät (ADCP) durchgeführt, die entlang von 69 eng verteilten Querprofilen, stromaufwärts des Dotierkraftwerks, am Fischbypass und Turbineneinlauf sowie entlang der Restwasserstrecke und des Oberwasserkanals zum Hauptkraftwerk stattfanden. Die Bathymetrie- und Geschwindigkeitsdaten wurden eingehend analysiert und zum Aufsetzen sowie zur Kalibration und Validation der 3D-Numerik des Dotierkraftwerks verwendet. Am HBR-BS und sowohl bei der technischen als auch der naturnahen Fischaufstiegsanlage wurde ein Fischmonitoring durchgeführt, indem mehr als 3000 Fische aus 13 verschiedenen Fischarten mit einer PIT-Markierung versehen wurden.
Die Resultate zeigen, dass Fische sowohl der Hauptströmung in den Oberwasserkanal folgen als auch zum Restwasserkraftwerk schwimmen. Die Lockströmung für den Fischabstieg via Bypass ist zu schwach, und eine Rezirkulationszone beeinträchtigt das Auffinden des Eingangs in den Bypass, oder in den Bypass bereits eingestiegene Fische sind nicht motiviert abzusteigen. Zwei Individuen von 445 abgestiegenen Fischen stiegen über das Bypassrohr ab, was die Probleme mit dem Strömungsfeld rund um den Bypass veranschaulicht. 178 (40 %) von 445 Fischen stiegen über die Fischaufstiegshilfe ab. Dies zeigt, dass die hydraulischen Bedingungen beim Einstieg in die Fischaufstiegshilfe und beim Absteigen durch diese das Abwandern zulassen. Somit besteht für die Abwanderung ein weiterer Migrationskorridor. Ausserdem benutzten 265 (60 %) der 445 abgewanderten Fische die Turbinen oder den Wehrüberfall beim Restwasserkraftwerk oder das Hauptkraftwerk als Abwanderungskorridor.
Vier Varianten eines neuern Bypass-Systems wurden als Alternative zum bestehenden entworfen und mittels 3D-Numerik modelliert. Die Variante 4 mit einer vertikalachsigen Klappe (Stemmtor) mit boden- und wasserspiegelnahen Öffnungen und einer 15° geneigten Rampe zwischen der Klappe und einem Überfallwehr zeigt dabei die besten Strömungseigenschaften im Vergleich zu den drei anderen Varianten sowie dem bestehenden System (Nullvariante). Damit würde die Fischleiteffizienz des HBR-BS vermutlich deutlich verbessert. Dennoch sind weitere und detailliertere numerische Simulationen erforderlich, um den Entwurf weiter zu verbessern. Alternativ wird empfohlen, ein HBR-BS oder ein neuartiges Vertikalrechen Bypass-System mit gekrümmten Rechenstäben (CBR-BS), welches an der VAW entwickelt wurde, am Hauptkraftwerk in Schiffmühle zu installieren, statt mit viel Aufwand das bestehende HBR-BS am Dotierkraftwerk zu verbessern. Dies deshalb, weil die meisten Fische mit der Hauptströmung in den Oberwasserkanal und zum Hauptkraftwerk schwimmen.
Die Ergebnisse zeigen auch, dass sowohl die vertikalen Schlitze als auch die naturnahen Fischpässe am WKW Schiffmühle für stromaufwärts wandernde Fische gut funktionieren und eine hohe Anziehungs-, Einstiegs- und Passiereffizienz aufweisen.
Die vorliegenden Ergebnisse aus der Fallstudie des Dotierkraftwerks Schiffmühle unterstreichen, dass Design, Lage und Betrieb eines Bypass-Systems für eine erfolgreiche Implementierung und eine hohe Effizienz der Fischleitwirkung von HBR-BS von zentraler Bedeutung sind. Darüber hinaus bieten diese Erkenntnisse ein breites Anwendungsspektrum für andere Kraftwerke mit ähnlicher Größe und dienen als Grundlage für ein optimales Design von HBR-BS.