Im September 2023 startete das Institut für Sozialethik der Universität Luzern ein Forschungsprojekt zum Thema Verantwortung mit dem Ziel, die verantwortungsvolle Entscheidungsfindung im Bereich der nuklearen Sicherheit zu untersuchen. In diesem als Doktorat angelegten Projekt arbeitet das ENSI erstmals mit einer Forschergruppe aus dem Fachbereich der Philosophie bzw. der Ethik der Verantwortung zusammen. Wie kam es zur Erkenntnis, dass die Verantwortungsethik einen Beitrag zur Verbesserung der nuklearen Sicherheit leisten kann?
Im Gefolge des Unfalls von Fukushima analysierte die IAEA (2015) die menschlichen und organisatorischen Faktoren, die zum Unfall beigetragen haben. Daraus ergab sich Lernpotenzial hinsichtlich der Rolle und Verantwortung der Beteiligten (u.a. Betreiber, Behörden). Das Vorwort des Generaldirektors im IAEA-Bericht (2015) verdeutlich dies. Es offenbart, dass der in Japan weit verbreitete Glaube in der Bevölkerung und bei den relevanten Akteuren, die japanischen Kernkraftwerke seien sicher, die Betreiberorganisationen und ihr Personal dazu verleitete hätten, notwendige technische Sicherheitsverbesserungen nicht zeitnah vorzunehmen. Gleichzeitig ist darin aber auch beschrieben, wie mutig, engagiert und unter erschwerten Bedingungen Mitarbeitende und Führungskräfte in den Kernkraftwerken während dem Unfall kämpften, um die betroffenen Reaktoren unter Kontrolle zu bringen. Dieser Kampf erforderte mitunter viel Improvisation, da die Menschen für die Umstände, die sie vorfanden, nicht ausgebildet waren und ihnen oft geeignete Ausrüstungen fehlten.
Aus Sicht der Verantwortungsethik führten damit, vereinfacht ausgedrückt, die folgenden Ursachen zum Unfall von Fukushima: Vor der Katastrophe verhinderte ein mangelndes Bewusstsein über die zentrale Verantwortung der Aufsichtsbehörde und der Betreiberorganisation die Umsetzung notwendiger Sicherheitsmassnahmen. Während der Katastrophe entstand dieses Bewusstsein. Nur verhinderten eine unzureichende Vorbereitung und materielle Defizite, dass die Betroffenen und damit die Mitarbeitenden vor Ort in der Anlage der immanenten Verantwortung in dem von ihnen gewünschten Masse gerecht werden konnten. Diese Sichtweise widerspiegelt sich auch in der Erkenntnis der IAEA (2015), dass sich die Betreiber und Behörden verstärkt mit ihrer Sicherheits- bzw. Aufsichtskultur auseinandersetzen sollten, und dass das Streben nach organisationaler Resilienz als eines der zentralen Ziele der Organisation hinsichtlich Sicherheit betont werden muss.
In der Richtlinie ENSI-G07 (ENSI, 2023) sind die Themen der Verantwortung und der organisationalen Resilienz integriert. Dies auch, da sich die Nukleartechnik mit neuen Herausforderungen konfrontiert sieht (beispielsweise Veränderungen in den Energie-, Lieferanten- und Arbeitsmärkten, nuklearer Wissensverlust, neue Sicherheitsanforderungen). Die Erfahrungen mit diesen Veränderungen zeigen, dass Entscheiden und Handeln nicht mehr ausschliesslich auf Basis einmal vorverfasster Regeln (wie Richtlinienanforderungen, Prozessabläufe) erfolgen kann. Vielmehr erfordern sie von den Organisationen eine an die Situation angepasste Herangehensweise und damit organisationale Resilienz. Zum Erhalt und zur Weiterentwicklung organisationaler Resilienz in einer Kernanlage ist die bisher gelebte Praxis zur Verbesserung der Sicherheit, insbesondere auf Fehler und Mängel sowie deren Behebung und auf die Vermeidung von gleichen oder ähnlichen Ereignissen in Zukunft (Safety-I-Ansatz) zu fokussieren, nicht ausreichend. Dieser Ansatz muss mit einer zweiten Sichtweise kombiniert werden. Sie umfasst insbesondere das Lernen aus Positivem bzw. dem normalen Funktionieren und damit das Beobachten und Analysieren, wie und warum Dinge richtig und nicht falsch laufen (Safety-II-Ansatz). Die Kombination beider Ansätze erachtet das ENSI (2021) als zwingend zur Beaufsichtigung der organisationalen Resilienz und damit zur kontinuierlichen Verbesserung der Sicherheit.