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Forschungsstelle
BLW
Projektnummer
18fa02
Projekttitel
Begrenzung der Proteinzufuhr in der Rindviehfütterung

Texte zu diesem Projekt

 DeutschFranzösischItalienischEnglisch
Schlüsselwörter
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Kurzbeschreibung
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Projektziele
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Publikationen / Ergebnisse
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Erfasste Texte


KategorieText
Schlüsselwörter
(Deutsch)
Rindviehfütterung, Proteinzufuhr
Schlüsselwörter
(Englisch)
Cattle feeding, protein intake
Schlüsselwörter
(Französisch)
alimentation du bétail, apport en protéines
Kurzbeschreibung
(Deutsch)
Der Beitrag für die graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion (GMF) wurde im Rahmen der Agrar-politik 2014-2017 eingeführt.
Im Sommer 2017 hat Agroscope einen Evaluationsbericht zum GMF-Programm vorgelegt (Mack et al. 2017).
In diesem Rahmen wurden  zwei Expertenworkshops mit Branchenvertretern durchgeführt, an denen einerseits das Zielsystem und andererseits unterschiedliche Varianten zur Weiterentwicklung des GMF-Programms diskutiert wurden.
Darunter befand sich auch die Variante «Verzicht auf Proteinkonzentrate in der Rindviehfütterung», bei welcher der Verzicht auf die Verfütterung von Proteinkonzentraten (inkl. Körnerleguminosen und Harnstoffzusätze) das zentrale Element darstellt.
Es wurde entschieden, dass die Option «Verzicht auf Proteinkonzentrate in der Rindviehfütterung» weiter vertieft werden soll.
Hierzu wurde einen Projektsantrag für ein Forschungsprojekt ausgearbeitet.
Im Rahmen eines Forschungsprojekts soll insbesondere analysiert werden, ob – und allenfalls unter welchen zusätzlichen Randbedingungen – die postulierten positiven Effekte tatsächlich realisiert wer-den. Zudem soll abgeklärt werden ob mit unerwünschten Auswirkungen zu rechnen ist, welche die Praxistauglichkeit der vorgeschlagenen Variante in Frage stellen.
Im Zentrum der Untersuchung stehen dabei die möglichen Auswirkungen einer proteinreduzierten Fütterung auf die Fütterungspraxis (Futterration), die Tiergesundheit und die Wirtschaftlichkeit des Produktionssystems. Ebenso sollen die Auswirkungen auf die Umwelt (z.B. N-Überschuss/Ammoniakemissionen oder klimarelevante Effekte) als auch auf die Kontrollierbarkeit des Programms dargestellt werden.
Es wird vorgeschlagen, den Untersuchungsgegenstand mittels drei unterschiedlichen Methoden zu bearbeiten. Erstens soll eine Literaturrecherche zu bestehenden, themenspezifischen Arbeiten durchgeführt und deren Ergebnisse aufbereitet werden. Zweitens sollen Experteninterviews mit ausgewiesenen Wiederkäuerfütterungsexperten durchgeführt werden, um weitere Hinweise zur Beantwortung der Forschungsfragen zu erhalten. Und drittens sollen für konkrete Fallbeispiele bzw. Betriebe ausgeglichene Fütterungsrationen berechnet werden, bei denen auf den Einsatz von Proteinkonzentraten vollständig verzichtet wird.
Projektziele
(Deutsch)
Oberziel 
Erhaltung einer standortangepassten Wiederkäuerproduktion auf Grasbasis und reduziertem Kraftfuttereinsatz.

Hauptziele
1. Erhaltung einer wiederkäuergerechten Fütterung auf vorwiegend betriebseigener (Rau-)Futterbasis.
2. Förderung einer standortangepassten Futterproduktion mit geringer Konkurrenz zur ackerbaulichen Nahrungsmittel-Produktion.
3. Förderung der Qualitätsstrategie durch Erhaltung einer wettbewerbsfähigen Raufutterveredlung.
Publikationen / Ergebnisse
(Deutsch)

Im Zuge der Weiterentwicklung des GMF erhielt die Forschungsgruppe Wiederkäuer von Agroscope 2018 den Auftrag die Auswirkungen eines Proteinkonzentrat-Verzichts auf die Fütterung, die Futterproduktion, die Tiergesundheit, die Wirtschaftlichkeit, die Umwelt und die Kontrollierbarkeit bzw. die Glaubwürdigkeit des Programms zu untersuchen. Die erste Ergänzungsvariante (EV 0 %) erlaubt nur den Einsatz von Wiesen- und Weidefutter in frischer, silierter und getrockneter Form. Zusätzlich zur EV 0 % gestattet die zweite Variante (EV 12 %) alle Futtermittel, die einen Rohproteingehalt (RP-Gehalt) von kleiner gleich 120 g pro kg TS aufweisen. Die dritte Variante (EV 25 %) ermöglicht den Einsatz von Futtermittel mit einem RP-Gehalt von kleiner gleich 250 g Rohprotein (RP) pro kg TS. In der EV 12 %, aber auch der EV 25 %, sind alle betriebseigenen Futtermittel (Getreide sowie Körnerleguminosen) gestattet einzusetzen. Der Fokus der Untersuchung richtet sich auf die Milchkühe, aber die Umsetzbarkeit der Ergänzungsvarianten (EV) wurde ebenfalls bei Aufzuchtrindern, Mastvieh und Mutterkühen mit Kalb geprüft.
Zu Studienbeginn wurden kritische Aspekte festgestellt und die Notwendigkeit erkannt, die Ergänzungsvarianten (EV) präzisier zu definieren. Probleme bieten z.B. die starren RP-Grenze pro TS oder FS, die variablen RP-Gehalte der Getreidekörner (9 bis 17.5 % TS-Basis), der Umgang mit Ganzpflanzensilagen (variierender RP-Gehalt je nach Entwicklungsstadiums), die Verwertung von Nebenprodukten der Lebensmittelindustrie, das Fütterungsverbot von Milch (EV 0 % und 12 %) und Stroh (EV 0 %), der notwendige Einsatz von Mineralstoffen inkl. Vitaminen und der Umgang mit der Alpung von Tieren.
Mit der EV 0 % können bestenfalls Herdenleistungen von 6000 kg Milch pro Jahr erzielt werden. Die Rationen werden sehr selten bezüglich Energie - und Protein ausgeglichen sein. Ohne einen Energieüberschuss zu erzeugen, können RP-defizitäre Grundrationen mit EV 12 % nicht ausgleichen werden. Andererseits sind Milchleistungen bis 10000 kg möglich, sofern Wiesen- und Weidefutter mit extrem hohen RP-Gehalten oder eigene Körnerleguminosen in der Fütterung eingesetzt werden. Da die EV 25 % gegenüber der Referenz, Ergänzung mit Energie- und Proteinkonzentrat, die Milchproduzenten kaum einschränken bzw. in die gewünschte Richtung lenken, verbleiben EV 0 % und 12 % im Zentrum der Untersuchung.
Ein Erstkalbealter von 24 Monaten und 640 kg Lebendgewicht vor der Kalbung sind mit EV 0 % nicht erreichbar. Um das Jugendwachstum mit EV 0 % und 12 % auszuschöpfen, müsste mehr Vollmilch in der Rinderaufzucht sowie zu Beginn der Grossviehmast vertränkt werden. Bei der Grossviehmast würden mittlere Tageszuwächse (TZW) von 600 bis 1000 g mit EV 0 % und bis 1100 g mit EV 12 % erzielt. Damit eine optimale Fleischigkeit und eine genügende Fettabdeckung erreicht werden, müssen geeignete Tiere (frühreife Rinder oder Ochsen) in der Mast verwendet oder höhere Schlachtgewichte angestrebt werden.
Eine bedarfsdeckende Fütterung von Mutterkühen und Ammenkühe sollte mit EV 0 % und 12 % umsetzbar sein. Hingegen würde für nicht-abgesetzte Kälber der mittlere TZW von über 1200 g, gemäss Fleischrinderherdebuch, kaum realisiert.

Bei der EV 0 % würden vermehrt Proteinüberschüsse oder Energiedefizite in der Rindviehfütterung auftreten. Die EV 12 % bietet die Möglichkeit Energiedefizite auszugleichen, indessen könnten Proteindefizite oder Energieüberschüsse den Tieren widerfahren. Die Massnahmen zur Verhinderung eines Proteindefizits sind vielfältig: der Anbau von betriebseigenen Körnerleguminosen, die Reduktion energiereicher Raufutterkomponenten in der Ration, die vermehrte Fütterung von frischem Wiesenfutter, die Reduktion von Konservierungsverlusten, die Erhöhung des RP-Gehalts im Wiesen- und Weidefutter (verbessertes Weide- oder Schnittmanagement, höherer Leguminosenanteil, frühere Nutzung der Wiesen, vermehrte N-Düngung), das Verschieben der Kalbungen auf Ende Winter-Anfangs Frühjahr, die Reduktion der Leistungen und der vermehrte Einsatz von Vollmilch in der Aufzucht sowie Mast.
Das Fehlen von Protein in der Ration würde gleichzeitig die Futteraufnahme und die Leistung einschränken. Bei marginalen RP-Defiziten wäre die Futterverwertung kaum betroffen. Die minimalen Wiesen- und Weidefutteranteile für EV 12 % können für Milchkühe (65 %) und die Grossviehmast (57 %) betragen. Der Einsatz von betriebseigenen Körnerleguminosen könnte diese Anteile weiter schrumpfen lassen. Des Weiteren könnte bei Milchkühen und proteinreichen Wiesen- und Weidefutter durchaus 1500 kg Kraftfutter pro Kuh und Jahr (20 % der Ration) verfüttert werden.
Die Auswirkungen auf die betriebliche Flächennutzung ist unsicher und hängt von vielen Faktoren ab, u.a. die präzise Ausgestaltung des neuen GMF-Programms, die Wahl der Anpassungsmassnahmen und die wirtschaftlichen Bedingungen. Ein vermehrter Einsatz von N-Düngern wäre denkbar, nur schon um die wegfallende N-Zufuhr der Kraftfutter zu kompensieren. Ausserdem könnte ein zusätzlicher Wiesenschnitt angestrebt werden. Schliesslich könnte der Intensivierungsdruck auf wenig-intensive genutzte Wiesen- und Weideflächen ansteigen.
Die Risiken bezüglich beeinträchtigter Gesundheit, Fruchtbarkeit und Tierwohl in den EV sind im Bericht ausführlich erläutert und nehmen von der Referenz über EV 12 % hin zur EV 0 % zu. Sogar bei angepassten Tieren ist durch die fehlende Flexibilität, vor allem bei EV 0 %, von einem erhöhten Risiko bezüglich Gesundheit, Fruchtbarkeit und Tierwohl auszugehen. Die Auswirkungen auf die Nutzungsdauer bzw. Lebensleistung der Milchkühe vorauszusagen, sind komplex und hypothetisch, da das Herdenmanagement, die Entwicklung der Milchleistung, die Umsetzung der EV, die futterbauliche Kompetenzen und die Standortfaktoren mitwirken.
Anhand der Rationsberechnungen für Milchkühe wurden durch die EV bedingte Mindereinnahmen geschätzt. Je nach Ausgangssituation variieren die Mindereinnahmen pro Kuh pro Jahr zwischen Fr. 0.- bis Fr. 550.- mit EV 0 % und Fr. 10.- bis Fr. 420.- mit EV 12 %. Diese Schätzung bildet nicht alle betriebsspezifischen Bedingungen ab. An Beispielen wurden die Erbringungskosten und Beiträge skizziert, dabei fiel die Variabilität dieser je nach Ausgangssituation auf. Die Auswirkungen der EV auf die Fixkosten und Arbeit wurden aus Kapazitätsgründen nicht geprüft, müssten aber, da diese massgeblich die Erbringungskosten beeinflussen. Zur Schätzung der Beteiligung flossen aktuelle Daten zur Milchleistung, Resultate aus Fütterungsumfragen und Expertenmeinungen ein. Schätzungsweise würden die EV 0 % 9 bis 14 % und EV 12 % zirka 50 % der Milchproduzenten umsetzen. Die Unsicherheit bezüglich Beteiligung der Milchproduzenten zeigt sich in den divergierenden Meinungen der Experten (EV 0 %: < 2 % bis 20 % und EV 12 %: <10 bis 70 %).
Die Auswirkungen auf die Umwelt können pro Betrieb sehr variabel ausfallen, da massgebende Einflussfaktoren nicht durch die EV geregelt sind. Wahrscheinlich werden mit

EV 0 % pro kg Milch vermehrt Treibhausgase (THG) emittiert und vor allem mehr N-Verluste auftreten. Die Umweltauswirkungen bei EV 12 % wären vergleichbar mit der Referenz. Neben den THG-Emissionen und N-Verlusten, müssten weitere Aspekte wie der Einsatz von nicht erneuerbarer Energie, der Bedarf an P und K, der Flächenbedarf, die Lebensmittelkonvertierungseffizienz, die Abholzung, die Eutrophierung, die Versauerung, die Ökotoxizität, die Biodiversität und das Landschaftsbild beachtet werden.
Gemäss den Rückmeldungen der Experten sind die vorgeschlagenen EV extrem einschränkend. Zu jedem Zeitpunkt hochwertige Wiesen und Weidefutter anzubieten, die Balance zwischen Energie und Protein zu gewährleisten, Futtermangel sowie Fehlernährung zu vermeiden, die extremen Fluktuationen der Produktion sowie des Einkommens in Kauf zu nehmen, keine Möglichkeit Raufutter zu erwerben sowie den Einsatz der Nebenprodukte zu verbieten, stellen die grössten Herausforderungen der EV dar.
Obwohl die EV auf den ersten Blick einfach erscheinen, steckt der Teufel im Detail. Klare, nachvollziehbare Regeln zu erlaubten Futtermitteln (z.B. Milch, Milchpulver, Stroh, Ganzpflanzensilagen), zum Raufutterhandel, zur Nebenproduktverwertung, bei regionalem bzw. nationalem Mangel an Raufutter, zur Alpung, zur flexiblen Teilnahme, zu Ausstiegsmöglichkeiten und zum Umgang mit betriebseigenen Produkten wären zur Umsetzung notwendig.
Aus Sicht des Autors und einiger Experten wäre eine Weiterentwicklung des GMF basierend auf dem aktuellen System besser. Zum Beispiel könnte bei einem zweistufigen Programm der Kraftfuttereinsatz, wie bei Bio Suisse vorgesehen, auf 5 % der Jahresration beschränkt werden. Die Herausforderungen bezüglich der Verwertung der Nebenprodukte und dem Ausgleich der Variabilität der Wiesen- und Weidefutter wären deutlich entschärft. Darüber hinaus würde die Kontinuität die Glaubwürdigkeit des Programms stärken und den Rindviehaltern erlauben mittelfristige bis langfristige Optimierungsmöglichkeiten vorzunehmen.