In der Schweiz sind die Haushalte für einen signifikanten Anteil des gesamten Energieverbrauchs verantwortlich. Diverse Massnahmen der Energiestrategie 2050 zielen in der Folge auf die Verbesserung der Energieeffizienz der Haushalte und des Gebäudesektors ab. Dabei kommen Fördermittel und Steuerentlastungen in erster Linie Hauseigentümerinnen und Hauseigentümern zugute, während Mieter und Mieterinnen nach einer Sanierung oft mit erhöhten Mietkosten rechnen müssen. Das im Auftrag des BWO durchgeführte Forschungsprojekt der ZHAW untersuchte einerseits die Frage nach dem Verhältnis zwischen Einkommens- und Energiearmut. Andererseits wurden die Be-wältigungsstrategien von sogenannten vulnerablen Grup-pen sichtbar gemacht, die entweder von Energiearmut be-troffen oder durch Energiearmut gefährdet sind oder aufgrund einer energetischen Sanierung eine erhöhte Wohnkostenbelastung aufweisen. Als dritter Schwerpunkt wurden mögliche Hilfeleistungen für Haushalte mit tiefem Einkommen untersucht. Folgende Resultate aus der explorativen Studie konnten gewonnen werden:
- Vulnerable Gruppen sind aufgrund der oft sanierungsbedürftigen Wohnungen besonders häufig von baulichen Massnahmen, Wohnungswechseln, un-genügenden Infrastrukturen, nicht beeinflussbaren Energiekosten und deren finanziellen Folgen betroffen. Die Auswertung von Fragebogen und Betroffe-nen- sowie Experteninterviews zeigt auf, dass die Mehrheit der Betroffenen mit tiefem Einkommen oder Sozialhilfebezug in günstigen, unsanierten Liegenschaften wohnt und nach einer allfälligen Sanierung mit erhöhten Mietkosten konfrontiert ist. Die im Projekt geführten Gespräche zeigen, dass die meis-ten von einer Sanierung betroffenen Haushalte eine neue Wohnung suchen mussten. Auffallend ist, dass vulnerable Gruppen zur Begleichung der Energiekosten oder zum Ausgleich von erhöhten Mietkosten vor allem beim Grundbedarf sparen. Zudem entwickeln sie zur Einsparung von Energiekosten selektive Heiz- und Beleuchtungspraxen. Aufgrund des tiefen Einkommens verfügen vulnerable Gruppen nur über beschränkte Handlungsmöglichkeiten, ihre Energiekosten effektiv zu reduzieren, was für Betroffene psychische und physische Beeinträchtigungen zur Folge haben kann.
- Die im Ausland erarbeiteten Ansätze zur Definition und Messung von Energiearmut können aufgrund der Datenlage sowie unterschiedlichen Preis- und Kostenniveaus nicht einfach auf die Schweiz übertragen werden. Die Verfasser der Studie schlagen daher ein Monitoring auf kleinräumiger Ebene paral-lel zu einer Primärdatenerhebung mit qualitativen Befragungen vor.
Als Erkenntnis zuhanden der Politik wird festgehalten, dass der blinde Fleck der Energiewende in der Fokussierung auf ökologische und ökonomische Ziele liegt. Die theoretische und empirische Analyse veranschaulicht, wie die sozialen und ökonomischen Folgen der Energiewende für vulnerable Gruppen in den meisten politischen Institutionen und Parteien ausser Acht gelassen werden. Ein zentrales Anliegen ist somit die Vernetzung der drei Politikfelder Energiepolitik – Wohnpolitik – Sozialpolitik. Die Entlastung einkommensschwacher Haushalte beim Umbau des Energiesystems darf laut den Autoren daher nicht in der alleinigen Verantwortung der staatlichen Sozialpolitik stehen, sondern muss als eine Kernaufgabe der Energie- und Effizienzpolitik betrachtet werden.
Die Studie steht auf der Website des BWO zur Verfügung: www.bwo.admin.ch > Das BWO > Publikationen > Forschungsberichte