Zusammenfassung
Die Bevölkerung in der Schweiz wird zunehmend älter und im öffentlichen Verkehr (öV) ist mit einer ansteigenden Personendichte infolge des Nachfragewachstums zu rechnen.
Für die hier untersuchte Nutzergruppe der älteren Fahrgäste (ab 65 Jahren) verlängern sich zukünftig die Umsteigezeiten im öV deutlich. Ältere Personen können sich durchschnittlich weniger agil in Menschenmengen bewegen. Mit Mikrosimulationen einer Umsteigesituation und Analysen wurde dieser Effekt erstmals beziffert. Die minimalen Umsteige- resp. Fahrgastwechselzeiten müssten demnach in den nächsten 15 Jahren für die langsamsten Nutzer um 30% bis über 40% verlängert werden.
Eine vollständige Umsetzung einer Entschleunigung, d.h. Verlängerung von Umsteige- und Haltezeiten entsprechend den Bedürfnissen von langsamen älteren Nutzern in Kombination mit höheren Personendichten, hätte gravierende Auswirkungen auf das Gesamtsystem des öV sowie grossen Anpassungsbedarf (verbunden mit den entsprechend hohen Betriebs- und Infrastrukturkosten) zur Folge. Positiv auf die Konflikte auswirken werden sich die in geringem Ausmass bei den Transportunternehmen bereits geplanten längeren Haltezeiten für künftige Konzepte. Auch mit der Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes (BehiG) resultieren positive Effekte auf die Umsteige- und Haltezeiten im Zusammenhang mit älteren öV-Nutzern. Es sind jedoch offensichtlich zusätzliche Massnahmen erforderlich, welche eine generelle Verlängerung von Umsteige- und Haltezeiten zu kompensieren vermögen.
Massnahmen mit einem potentiell hohen Beitrag zur Kompensation einer Entschleunigung und mit positiver Wirkung, insbesondere auf die ältere öV-Nutzerschaft in dichten Personenflüssen, werden hierfür skizziert. Im Vordergrund stehen dabei beispielsweise Massnahmen bezüglich Hilfsmittel zur Reisevorbereitung und während der Reise, ausreichende Platzverhältnisse im Fahrgastwechselbereich von Plattform und Fahrzeug sowie verbesserte Orientierungshilfen in Publikumsanlagen.
Die Forschungsarbeit zeigt klar auf, dass Handlungsbedarf im Zusammenhang mit den älter werdenden öV-Nutzern besteht. Aus den Workshops und den Diskussionen mit den Fachleuten und Interessengruppen ging hervor, dass das Bewusstsein für die künftigen Konflikte in diesem Themenfeld noch nicht verbreitet vorhanden ist, sich aber bereits erste Probleme mit nicht umsetzbaren Halte- und Umsteigezeiten abzeichnen. Die nun vorliegenden Resultate liefern einen Beitrag zur Schärfung des Ausmasses der Problematik sowie Hinweise, in welchen Bereichen Lösungsansätze zu suchen sind.
Der durchaus noch erweiterbare Massnahmenkatalog soll den an der Gestaltung des öV beteiligten Stellen als Stütze bei der kurzfristigen betrieblichen wie auch bei der langfristigen öV-Planung dienen und den in der Thematik der Umsteige- und Haltezeiten tätigen Spezialisten Anstösse für neue Ansätze geben.
Vertiefter Forschungsbedarf bezüglich Konkretisierung und Wirkungsbeurteilung wird bei Massnahmen gesehen, welche für Transportunternehmen oder Infrastrukturbetreiber noch experimentellen Charakter haben. Bei zahlreichen der vorgeschlagenen Massnahmen dürfte es an den verantwortlichen Stellen liegen, die Ansätze zu konkretisieren und anhand von Pilotprojekten in der Praxis zu testen.