Ausgangslage
Im Kindes- und Jugendalter werden wichtige Weichen für die Gesundheit im Erwachsenenalter gestellt. Aus verschiedenen Studien geht hervor, dass gerade in diesem Alter der Konsum von Alkohol und anderen Substanzen schwerwiegende Folgen für die Gesundheit haben kann. Im Jahr 2012 wurde das dritte Massnahmenpaket des Bundes zur Verminderung der Drogenprobleme (MaPaDro III) und das Nationale Programm Alkohol (NPA) bis 2016 verlängert. In beiden Programmen werden Kinder und Jugendliche als wesentliche Zielgruppe definiert und es wird insbesondere ein Schwerpunkt auf die Früherkennung und Frühintervention bei suchtgefährdeten Kindern und Jugendlichen gelegt. Früherkennung und Frühintervention beinhalten laut der Oltner Charta das Zusammenspiel verschiedener Akteure mit einer gemeinsamen Haltung, einem geteilten Wissen bis hin zu geregelten Abläufe (Prozessen) im Umgang mit problematischem Konsumverhalten. Medizinische Fachpersonen haben hier eine Schlüsselrolle inne und ihre Einbindung in ein komplexes System der Früherkennung und Frühintervention mit verschiedenen
Akteurinnen und Akteuren ist fundamental.
Zielsetzungen
Mit der Studie soll der aktuelle Wissensstand zum Vorkommen des problematischen Substanzkonsums bei Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren dargestellt werden sowie die Faktoren, die bei der Entstehung problematischer Konsummuster in dieser Altersgruppe eine Rolle spielen, identifiziert werden. Das Hauptziel der Studie ist es, mit einer Befragung von medizinischen
Fachpersonen Einschätzungen zum Auftreten der Problematik im medizinischen Kontext in der Schweiz zu erhalten. Dabei soll geklärt werden, in welchem Kontext und wie häufig medizinische Fachpersonen mit der Problematik konfrontiert sind, wann und mit welchen Instrumenten problematischer Substanzkonsum abgeklärt wird und wie die verfügbaren Ressourcen von der Ärzteschaft und dem Pflegefachpersonal eingeschätzt werden. Die Schlussfolgerungen sollen durch eine Feedbackrunde bei Teilnehmenden der Befragung breit abgestützt sein.
Methodik
In einer Literaturrecherche wurde der aktuelle Wissensstand zur Prävalenz, zu den Prädiktoren und zu den Folgen des Substanzkonsums bei unter 16-Jährigen aufgearbeitet und Frühinterventionen in Schweizer Spitälern dokumentiert. Kernstück der Studie ist eine gesamtschweizerische Online-Befragung von 1'200 medizinischen Fachpersonen zwischen Februar und September 2014. Der Zugang zu niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten erfolgte über das Medizinalberufe-Register, für die Rekrutierung von Pflegefachpersonen und Spitalärztinnen/Spitalärzten wurden die Direktionen, ärztliche Leitungen sowie Pflegeleitungen von Schweizer Spitälern kontaktiert und um spitalinterne Weiterleitung gebeten. Die Schlussfolgerungen aus der Online-Befragung wurden mittels Delphi-Befragung den Teilnehmenden zur Diskussion gestellt und damit validiert.
Ergebnisse
Literaturübersicht. Die internationale Literatur zeigt auf, dass das Alter zwischen 11 und 16 Jahren eine kritische Zeitspanne für den Einstieg in den Substanzkonsum ist. Bei den 11-Jährigen weist die grosse Mehrheit noch keine Konsumerfahrungen auf, bei den 15-Jährigen hat hingegen die Mehrheit erste Erfahrungen mit Alkohol und Tabak gemacht und ein Drittel mit Cannabis. Beim Einstieg in den Substanzkonsum wie auch bei der Entwicklung von problematischen Konsummustern in der Adoleszenz spielen gemäss der analysierten Literatur viele Faktoren zusammen.
Im Wesentlichen können drei Kategorien von Prädiktoren unterschieden werden:
(i) die Substanzkonsum bei Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren persönliche Vulnerabilität,
(ii) Umwelteinflüsse sowie
(iii) die Droge selbst.
Zur persönlichen Vulnerabilität tragen genetische und neurobiologische Faktoren, das Temperament und Persönlichkeitsmerkmale sowie Trinkmotive bei. Zu den Umweltfaktoren zählen familiäre und soziale Faktoren wie der Substanzkonsum von Freunden und der Eltern, die elterliche Beaufsichtigung, die Qualität der Beziehungen, die Familienstruktur, aber auch Lebensereignisse und Gewalterfahrungen. Bei der Droge selbst spielen neben dem Abhängigkeits- und Wirkungspotenzial auch die Verfügbarkeit sowie die Kosten und Konsummuster eine Rolle. Zu den Folgen des problematischen Konsums zählen Gewalterfahrungen (als Täter und Opfer), sexuelles Risikoverhalten, Spitaleinweisungen wegen Alkoholintoxikation, Abnahme der Schulleistungen, Suizidalität sowie Veränderungen der Gehirnstruktur mit Auswirkungen auf die kognitive Leistungsfähigkeit.
Online-Befragung medizinischer Fachpersonen. Als Erstes zeigt sich, dass bei weitem nicht alle Arbeitsorte und Fachgebiete gleichermassen mit dem problematischen Substanzkonsum bei unter 16-Jährigen konfrontiert sind. Vor allem beim schulärztlichen Dienst und in pädiatrischen Kliniken und Abteilungen sowie auf Notfallstationen und auf Psychiatrieabteilungen stösst das Thema auf Interesse. In den Arztpraxen kommt nur eine Minderheit mit diesen Kindern und Jugendlichen in Kontakt. Im Kontext der Arztpraxis sind Tabak, Alkohol und Cannabis - in dieser Reihenfolge - die wichtigsten Substanzen, die zur Sprache kommen, im stationären Kontext steht Alkohol an erster Stellen, gefolgt von Tabak und Cannabis. Am häufigsten führen psychische Auffälligkeiten oder Verhaltensauffälligkeiten sowie eine offensichtliche Alkoholvergiftung zu einer Abklärung. Ein systematisches Vorgehen zur Abklärung kennt die Mehrheit der Befragten nicht. Die häufigsten Massnahmen bestehen bei den Ärztinnen und Ärzten aus eigener Beratung sowie Verweisen an Fachspezialisten/Fachspezialistinnen oder Fachstellen. Pflegefachpersonen beraten nur selten selber und verweisen am häufigsten an eine Beratungs- oder Fachstelle. Von den Personen, die nur selten mit diesen Kindern Kontakt haben, finden 80 Prozent, dass ihnen eine spezielle Ausbildung fehlt. Von den Personen, die mehrmals pro Monat oder häufiger Kontakte zu diesen Kindern und Jugendlichen haben, stimmen 53 Prozent dieser Aussage zu. Fehlende Screening-Instrumente nimmt eine Mehrheit der Pflegefachpersonen als Hindernis der Früherkennung und Frühintervention wahr. Sowohl die Ärzteschaft wie Pflegefachpersonen fühlen sich in grosser Mehrheit berechtigt und haben wenige Hemmungen, den Substanzkonsum anzusprechen. Zudem glauben sie mehrheitlich an einen Erfolg. Die Mehrheit der Ärzteschaft schätzt ihr Wissen als genügend ein, während eine Mehrheit der Pflegefachpersonen ihr Wissen als ungenügend beurteilt.
Schlussfolgerungen und Empfehlungen
Aus der Studie resultieren vier Schlussfolgerungen, die in der Delphi-Befragung breite Zustimmung fanden: Erstens ist die Früherkennung von problematischem Substanzkonsum bei einem Kind/Jugendlichen eine Aufgabe von medizinischen Fachpersonen, für welche diese auch eine Verantwortung bei Eltern und Lehrpersonen sehen. Zweitens braucht es für die Früherkennung im medizinischen Kontext mehr systematische Vorgehensweisen, wobei v.a. bei der Ärzteschaft gewisse Widerstände bestehen. Drittens sind spezifische Instrumente zur Abklärung von problematischem Konsum zu wenig bekannt und werden zu selten eingesetzt. Viertens besteht für die Frühintervention im medizinischen Kontext ein Bedarf nach Ausbildung. Es wurden vier Empfehlungen formuliert: Erstens soll die Kooperation zwischen medizinischen Fachpersonen und anderen Professionen des Gesundheits- und Sozialbereiches gefördert werden. Zweitens sollen systematische Vorgehensweisen und spezifische Instrumente mit geeigneten Mitteln bekannt gemacht werden. Drittens soll ein Angebot für die Ausbildung von medizinischen Fachpersonen zur Thematik geschaffen werden. Viertens soll ein Fachdiskurs zur Meldebefugnis initiiert werden, damit bei einer gesetzlichen Regelung einerseits den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen Rechnung getragen wird und andererseits eine niederschwellige Früherkennung und Frühintervention unter Einbezug der relevanten Professionen gewährleistet wird.