Das Forschungsvorhaben zielt auf die Aufklärung von Präzisionsleistungen im Olympischen Luftgewehrschiessen. Es ist in Zusammenhang eines langfristigen Kooperationsprojekts zwischen dem Institut für Sportwissenschaft der Universität Bern und dem Schweizer Schiesssportverband zu sehen, dessen erste Etappen in 2010 und 2011 durchgeführt werden konnten. Hier ging es in Etappe 1 (10/2010-08/2011) um die Erarbeitung eines Messkonzepts sowie die Erweiterung des Berner Sensomotoriklabors um einen wettkampffähigen Schiessplatz und in Etappe 2 (08-12/2011) um die ingenieurmässige Realisierung dieses Konzepts samt Erstellung eines Prototypen für die Erfassung gewehrnaher Kennziffern. Im Mittelpunkt der ESK-geförderten Etappen 3 (01-03/2012) und 4 (04-12/2012) steht einerseits die Entwicklung der Ansteuerungssoftware für die neu erstellte Sensorik und andererseits die Messwerterhebung mit Athlet/innen des Schweizer Schiesssportverbandes samt Auswertung der erhobenen Daten. Als Etappe 5 ist ab 2013/14 die Durchführung eines „Olympiaprojekts 2016“ vorgesehen, welches auf die Nutzbarmachung der erhaltenen Befunde für die leistungsorientierte Sportpraxis gerichtet sein soll.
Die Besonderheit des im vorliegenden Projekt gewählten Ansatzes liegt zum Ersten darin, dass eine komplette Wirkungskette in den Blick genommen wird und sich die Analysen mithin nicht auf blosse Zusammenhänge zwischen potentiellen „distalen“ Einflussgrössen (bspw. Herzfrequenz) und summativen Leistungskennziffern (bspw. Schussresultat in Ringen) beschränken, sondern dass resultierende Abweichungen vom Zielscheibenzentrum auf Position und Ausrichtung des Gewehrs und diese wiederum auf „proximale“ Variablen der auf das Gewehr ausgeübten Kräfte zurückgeführt werden. Die vollständige Betrachtung der Wirkungskette wird als relevant erachtet, da sich Fehler aufgrund „distaler“ Varianzen keineswegs linear über die folgenden Schritte fortpflanzen müssen, sondern vielmehr von – ggf. gar sich kompensierenden – Interaktionswirkungen auszugehen ist. Die Besonderheit des gewählten Ansatzes besteht zum Zweiten in dem Versuch einer eher deduktiven denn induktiven Fundierung, indem – auf allen Ebenen der skizzierten Wirkungskette – an der Analyse des Aufgabenlösungsraums zur Erzeugung präzis-konstanter Schussleistungen angesetzt und dabei auf das von Müller (2001) vorgelegte Modell der Zerlegung beobachteter Varianz in Aspekte des Rauschens, der Stabilität und der Kovariation zurückgegriffen wird.
Bei der durchgeführten Datenerhebung haben jeweils 12 Elite- und Near-Elite-Sportlerinnen und -Sportler Serien von insgesamt 40 bzw. 60 Schüssen ausgeführt, welche auf Merkmale der zentralen Tendenz und der Dispersion untersucht wurden. Erhoben wurden neben gewehrbezogenen Sensordaten und Mündungsschwankungen VICON-Bewegungsdaten für ein Ganzkörpermodell mit speziellem Fokus auf Füsse, Arme und Waffenposition und weitere „distale“ Variablen, bspw. zur Respiration und zum Herzschlag.
Die mit dem entwickelten Messsystem erhaltenen Expertise-Effekte in Bezug auf die Kontaktkraftparameter, die in einer biomechanischen Wirkungskette als die Ursachen der Gewehrbewegung und somit als leistungsbestimmende Faktoren identifiziert wurden, legen es nahe, den Kausalzusammenhang der Grössen im Rahmen einer Interventions- bzw. Trainingsstudie zusammen mit den Online-Feedback-Möglichkeiten des Messplatzes einer experimentellen Prüfung zu unterziehen. Aus den beiden Auswerteansätzen lassen sich Konsequenzen für die Gestaltung des leistungsorientierten Nachwuchstrainings gleichermassen ableiten wie individuelle Trainingsempfehlungen für den Spitzensport, letzteres nicht zuletzt als Grundlage für potentielle Massnahmen der trainingswissenschaftlichen Begleitforschung im Olympiazyklus 2012-2016