In der ersten Phase der Forschungsarbeit sind die benötigten Grundlagen zusammenzustellen und aufzubereiten. Dies umfasst folgende Themen:
Art der zu untersuchenden Werbemittel: Welches sind die heute üblichen Formen der Reklame im Strassenraum? Wie sehen die Entwicklungstrends aus: Mit welchen bekannten und welchen neuartigen Formen der Reklame muss für den Einsatz im Strassenraum gerechnet werden?
Grundlagen zur Wahrnehmung: Es sind die wichtigsten Erkenntnisse über Wahrnehmung und Aufmerksamkeit aus der Psychologie zusammenzustellen, um das Verständnis der anschliessenden Aussagen auch für Techniker zu erleichtern.
Literaturrecherche: Wir sehen vor, die (teilweise bereits oben angeführten) Untersuchungen zum Thema Werbung im Strassenraum, "Ablenkungspotenzial" von Reklame aus dem In- und Ausland systematisch auszuwerten, um das Untersuchungsgebiet wenn möglich einschränken zu können: Sachverhalte, zu denen eindeutige und unwidersprochene Resultate vorliegen, müssen in den anschliessenden Untersuchungen nicht oder nur in geringerem Umfang wiederholt werden.
Rechtsgrundlagen: Die vorhandenen Rechtsgrundlagen zur Bewilligungspraxis von Werbung im Strassenraum sind einerseits für die Schweiz und anderseits für das Ausland zusammenzustellen, um die jeweiligen Handlungsspielräume auszuloten.
Einflussfaktoren
Aus den theoretischen Grundlagen und den praktischen Erfahrungen des Forschungsteams sind Einflussfaktoren abzuleiten, die die "Ablenkbarkeit" der Verkehrsteilnehmenden beeinflussen, wie:
• Verkehrsablauf und –dichte
• Verkehrsmittelmix
• Gestaltung und Abgrenzung des Strassenraums
• Bebauung und Nutzung im Umfeld der Strasse
• Tageslicht/Sonne und Beleuchtung Nacht
• Signale und Markierungen
• Reklame von Geschäften im Strassenraum
Aus der Kombination dieser Einflussfaktoren ist eine Anzahl von Standardsituationen abzuleiten, für die unterschiedliche Regelungen bezüglich Reklame im Strassenraum sachlich gerechtfertigt sind. Wir gehen davon aus, dass wir mindestens vier, maximal acht Standardsituationen festlegen werden, für die wir die Zulässigkeit bzw. Unbedenklichkeit von verschiedenen Formen der Werbung untersuchen wollen.
Wir halten es allerdings auch für möglich, dass die Festlegung der zu untersuchenden Situationen schrittweise erfolgt:
1. Gibt es aus den Grundlagen Ergebnisse/Erkenntnisse, die schlüssig einen gewissen Teil von Reklame oder bestimmte Teile von Strassenräumen von vornherein ausschliessen?
2. Gibt es eine Faktorengruppe (z.B. Bestandteile des Strassennetzes, Umfeldnutzung oder Bebauungsdichte), welche für das Mass der zulässigen Ablenkung bestimmend ist bzw. den Einfluss anderer Faktoren klar dominieren?
3. Definition der Gruppen bzw. Standardsituationen.
Mögliche Untersuchungsmethoden
Anschliessend sind für die definierten Standardsituationen die einzusetzenden Untersuchungsmethoden festzulegen und es ist zu definieren, in welchem Rahmen die Standardsituationen innerhalb der einzelnen Methoden variiert werden sollen. Grundsätzlich kommen dafür folgende Methoden in Frage:
Simulatorstudie: Vergleich von Reaktionen von Testpersonen im Fahrsimulator auf unterschiedliche Arten von Werbemitteln (statische Werbetafeln nur mit Bildern oder auch mit mehr oder weniger ausführlichen Texten, digitale Werbetafeln, allenfalls unterteilt nach Ausmass der dynamischen Effekte und der Lichtstärke) mit der Kontrollsituation ohne Werbung unter verschiedenen Bedingungen der Verkehrssituation (definierte Standardsituationen), die unterschiedliche Verarbeitungskapazität erfordern, zusätzlich Einbau von kritischen Situationen (z.B. plötzliches Abbremsen des voranfahrenden Fahrzeugs, Ball, der auf die Strasse rollt). Gemessen werden Blickverhalten als Indikator der Aufmerksamkeit, Lenkgenauigkeit, Reaktionszeit auf kritische Ereignisse etc.
Befragung im Anschluss an Simulatorstudie: Mit Hilfe von Befragungen der Testpersonen direkt nach den Simulatortests lässt sich herausfinden, wie die Situationen subjektiv empfunden wurden und es ist möglich, Korrelationen zwischen Einschätzung und gemessener Reaktion herauszufinden.
Fahrversuche auf Testgelände: Bei Fahrversuchen auf einem Testgelände können abseits vom allgemeinen Verkehrsgeschehen Versuche unternommen werden, die die Reaktionen der Testpersonen auf verschiedene Formen von Werbemitteln mit verschiedenen Mitteln registrieren und auswerten können. Im Vergleich zu Simulatorstudien haben solche Fahrversuche mehr Praxisnähe, allerdings muss mit einem bedeutend höheren Aufwand (Einrichtung des Testgeländes, Ausstattung des Fahrzeugs) gerechnet werden.
Fahrversuche im Verkehrsraum: Bei Fahrversuchen im Verkehrsraum werden die Reaktionen von Testpersonen auf verschiedene Formen von Werbemitteln registriert und auswertet. Im Vergleich zu Fahrversuchen auf Testgelände haben solche Fahrversuche noch mehr Praxisnähe, allerdings ist der Aufwand noch einmal höher.
Videobeobachtung Spurhaltung mit unterschiedlicher Reklame: Feldversuch bei klar definierten äusseren Bedingungen (z.B. Tageszeit, Witterung und Verkehrsdichte) und verschiedenen Formen der Werbung: Mit Hilfe von automatischer Bildauswertungssoftware kann z.B. der Abstand des Fahrzeuges zu mehreren über die beobachtete Strecke verteilten Fixpunkten am Strassenrand gemessen werden. Weitere Ansätze auf Grundlage der Videoaufnahmen ergeben sich durch die Verfolgung der Fahrzeuge und automatische Erzeugung von sogenannten "Tracking-Linien". Auf Basis dieser "Tracking-Linien" können dann z.B. die Abweichungen des Fahrzeugs von einer Ideallinie oder die Einfahrten des Fahrzeugs in nicht ideale Fahrbahnbereiche ermittelt werden.
Im Vergleich zur Simulatorstudie können weniger unterschiedliche Situationen getestet werden. Der grosse Unterschied besteht darin, dass statt Testpersonen zufällig vorbeifahrende, nicht beeinflusste Verkehrsteilnehmende beobachtet werden können und dass eine grosse Anzahl von Fahrzeugen ausgewertet werden kann.
Fazit
Wir halten es für wichtig, dass der Methodenmix sowohl eine Untersuchung mit Versuchspersonen als auch eine Untersuchung mit Personen, die nicht wissen, dass sie sich in einer Testsituation befinden, umfasst. Da im Fahrsimulator mit dem gleichen Aufwand wesentlich mehr Versuchssituationen durchgespielt werden können als im konkreten Fahrversuch, haben wir dieser Methode den Vorzug gegeben.
Gewählte Untersuchungsmethoden
Aus den oben erwähnten Gründen haben wir uns dafür entschieden, folgende Untersuchungsmethoden anzuwenden:
• Simulatorstudie mit anschliessender Befragung
• Videobeobachtung Spurhaltung im Feldversuch
Diese Kombination verbindet die Vorteile des Simulators (grosse Freiheit bei der Untersuchung unterschiedlichster Situationen und grosse Bearbeitungstiefe) mit einer Untersuchung des Verhaltens von nicht beeinflussten Personen.
Als Schwerpunkt unserer Untersuchungen haben wir eine Simulatorstudie mit anschliessender Befragung gewählt. Dafür steht uns der Fahrsimulator der ETH Zürich mit geeigneter Software und Programmierungsmöglichkeiten zur Verfügung. Wir planen mindestens 4 Verkehrssituationen mit 4 oder 5 Formen der Werbung (z.B. nur Bilder, Bilder mit wenig bzw. viel Text, dynamische Form, keine Werbung) zu kombinieren. Dieser Versuchsplan erlaubt uns, Aussagen zu machen über die Wirkung der einzelnen Werbeformen wie auch ihrer Interaktionen mit den Verkehrssituationen auf das Verhalten der Fahrzeuglenker. Als Verhaltensmasse beabsichtigen wir, das Blickverhalten als Indikator der Aufmerksamkeit, die laterale Abweichung des Fahrzeugs vom Strassenrand und die Reaktionszeit auf unerwartete Ereignisse zu erheben. Bei einem Versuchsplan mit vollständiger Messwiederholung benötigen wir 20-30 Personen, um mit einer Teststärke von 95% einen mittleren Effekt zu entdecken. Eine weitere wichtige Variable könnte das Alter der Fahrzeuglenker sein. Um 3 Stufen (jung, mittleres Alter, älter) abzudecken, verdreifacht sich die Zahl der Versuchspersonen. Mit vergleichenden Tests am Anfang der Versuchsreihe werden wir abschätzen, ob mit allen drei Gruppen das volle Programm durchgespielt werden muss. Der vorgesehene finanzielle Rahmen ermöglicht uns, je nach Ergebnis der Tests, den Versuchsplan mehr auf Breite oder auf Tiefe auszulegen. Anschliessend an das Simulatorexperiment befragen wir die Versuchspersonen zu ihrem subjektiven Eindruck der Ablenkung durch Werbung in der Simulatorsituation wie auch in der realen Verkehrssituation. Damit wollen wir herausfinden, ob und wie intensiv Personen die Ablenkung in den verschiedenen Situationen wahrnehmen und ob sie durch diese Art der Ablenkung in ihrer Fahrpraxis schon einmal in eine gefährliche Situation geraten sind.
Videobeobachtung Spurhaltung mit unterschiedlicher Reklame: Wir sehen einen Feldversuch bei eingeschränkten äusseren Bedingungen bezüglich Tageszeit, Witterung und Verkehrsdichte am gleichen Standort mit drei unterschiedlichen Situationen vor: Einmal ohne Werbung, zwei Situationen mit unterschiedlicher Werbung. Die Wahl eines geeigneten Verfahrens zur automatischen Auswertung der Videoaufnahmen hängt von den örtlichen Gegebenheiten ab. Für weitere Abklärungen stehen wir mit Spezialisten für solche Videoauswertungssysteme in Kontakt. Wir gehen davon aus, dass wir die Messungen pro Situation für jeweils mindestens 800 bis 1000 Fahrzeuge durchführen werden, um eine ausreichende Basis für eine signifikante Aussage über die unterschiedliche Einhaltung der „Ideallinie“ zu erhalten. Anschliessend wird es möglich sein, diese Resultate an unbeeinflussten Verkehrsteilnehmern mit denen der Fahrsimulatorstudie zu vergleichen.
Auswertungen und Beurteilungsinstrument
Resultat der Untersuchungen muss sein, dass die Ablenkungspotenziale – und damit die Potenziale zur Verminderung der Verkehrssicherheit – in Funktion der eingesetzten Werbemittel und der Verkehrs- und Strassenraumsituation beschrieben und bewertet werden können. Dabei ist nicht nur das zusätzliche Ablenkungspotenzial durch die Werbemittel von Bedeutung, sondern auch die Inanspruchnahme der Verkehrsteilnehmenden durch Verkehrsablauf und Umfeld: In an und für sich schon kritischen Situationen kann auch ein geringer zusätzlicher äusserlicher Einfluss einen stark negativen Einfluss auf die Verkehrssicherheit haben, während in anderen Situationen trotz starker Ablenkung der Einfluss auf das Verkehrsverhalten und damit auf die Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmenden gering ist.
Die Beurteilungsinstrumente werden analog zur Auswertung aufgebaut werden: Aus der groben Typisierung der Verkehrs- und Strassenraumsituation wie der geplanten Werbemittel werden die Anwenderin und der Anwender zur Beurteilung geführt, ob das Werbemittel in diesem Kontext problemlos eingesetzt werden kann, nicht zu vertreten ist oder welche Teilaspekte auf Grund einer verfeinerten Typisierung vertieft zu berücksichtigen sind (z.B. Fussgängerverkehr - allenfalls unterteilt nach unterschiedlichen Gruppen, Abbiegebeziehungen, Sichtverhältnisse).
Wir möchten an dieser Stelle darauf hinweisen, dass wir auch summarisch auf weitere Faktoren eingehen werden, die den Einsatz von Werbemitteln einschränken könnten (Orts- und Landschaftsbild etc.). Diese werden aber nicht weiter untersucht, sondern nur pro memoria in den Beurteilungsinstrumenten erwähnt.