Vor dem Hintergrund eines gewandelten Rollenverständnisses und einer
zunehmenden Erwerbsbeteiligung von Frauen und Müttern ist heutzutage
in der Schweiz eine immer grösser werdende Zahl von Erwerbstätigen
konfrontiert sowohl mit beruflichen Anforderungen als auch mit privaten
bzw. familiären Verpflichtungen und insbesondere herausgefordert durch
eine zunehmende zeitliche Inanspruchnahme im Erwerbs- wie auch im
Privatleben. Rollenkonflikte und Zeitnöte treten infolgedessen auf und
sind Ausdruck eines gestörten Gleichgewichts, einer mangelnden Vereinbarkeit
und fehlenden Balance zwischen dem Erwerbsleben („work“)
und dem Privatleben („life“). Das Problem verschärft sich zusätzlich
durch die Deregulierung auf dem Arbeitsmarkt, die zunehmende Flexibilisierung
und Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse und die damit einhergehende
fortschreitende „Erosion der Normalarbeit“, was zu steigenden
Belastungen und Beanspruchungen bei der Arbeit und zu einer
schlechter planbaren Familien- und Freizeitgestaltung führt.
Die Thematik oder Problematik der Work-Life Balance bzw. Imbalance
ist inzwischen auch in den Fokus der Wissenschaft gerückt und wird
zwar erst seit einigen Jahren, dafür aber umso ausgiebiger erforscht. Es
hat sich dazu mittlerweile eine eigene Forschungstradition entwickelt, bei
der es zentral um die Erforschung von Ursachen und Auswirkungen von
Rollenkonflikten im Spannungsfeld von Beruf und Familie geht. Dieser
noch sehr junge Forschungszweig ist allerdings hauptsächlich auf den
englischsprachigen und insbesondere nordamerikanischen Raum limitiert.
Im deutschsprachigen Raum und insbesondere in der Schweiz ist
hierzu eine eigentliche Daten- und Forschungslücke festzustellen. Ein
Forschungs- und Erkenntnisdefizit besteht ausserdem im Hinblick auf die
Auswirkungen besagter Rollenkonflikte. Zwar konnten neben arbeitsbezogenen
insbesondere auch gesundheitliche Effekte nachgewiesen werden
wie beispielsweise Stress, Burnout, Erschöpfung sowie verschiedene
andere psychosomatische Symptome und psychiatrische Störungen. Doch
muskuloskelettale Beschwerden als mögliche Outcomes wurden in diesem
Zusammenhang bislang noch überhaupt nicht untersucht.
Umgekehrt sind in der etablierten Forschung zu muskuloskelettalen Erkrankungen
und insbesondere Rückenschmerzen Rollenkonflikte und
Vereinbarkeitsprobleme zwischen Erwerbs- und Privatleben als potenzielle
Einflussfaktoren bislang ebenfalls nicht näher untersucht worden.
Und dies obschon bekannt ist und zahlreiche Studien gezeigt haben, dass
sowohl das Auftreten wie der Verlauf von muskuloskelettalen Beschwer
den multifaktoriell bedingt ist. Zu den wichtigsten bekannten Ursachen
bzw. Risikofaktoren zählen neben dem Alter und der Zugehörigkeit zum
weiblichen Geschlecht und zu einer niedrigen sozialen Schicht insbesondere
auch physische und psychosoziale Arbeitsbedingungen wie zum
Beispiel das Tragen schwerer Lasten, ungünstige Körperhaltungen und
repetitive Tätigkeiten sowie Stress, fehlende Autonomie oder geringe
Arbeitszufriedenheit. Eine mangelnde Work-Life Balance als Risikofaktor
ist vorerst unentdeckt geblieben. Zwischen dem noch jungen Forschungszweig
rund ums Thema Work-Family Conflict und der etablierten
Forschung zu muskuloskelettalen Erkrankungen existierten also bislang
keine inhaltlichen Berührungspunkte.