Abstract
(Deutsch)
|
Persönlichkeitsbildende Effekte von Sport und Bewegung Uwe Pühse und Markus Gerber Schlüsselwörter: Bildungseffekte, Persönlichkeit, Metaanalyse, Cattell 16 PF Einführung Statistiken belegen, dass sportliche Aktivitäten in der Freizeitgestaltung von Schweizer Jugendlichen und Erwachsenen eine große Rolle spielen (SOV et. al., 1997). Dies gibt Anlass zur Frage, ob durch sportliche Betätigung die Persönlichkeit und damit das Verhalten und die Einstellung der Sporttreibenden beeinflusst werden. Oft wird angenommen, dass sich Athleten in einer (positiven) Weise von Nichtathleten unterscheiden. Der Mythos des tugendhaften Sportlers ist zwar nicht neu (vgl. Coakley, 1993; Rees, 1998), er hat aber dazu geführt, dass mit Sport Kompetenzen assoziiert werden, die auch für das familiäre bzw. berufliche Leben relevant sind (vgl. Berlage, 1982). Die heutige Diskussion orientiert sich jedoch nicht immer an empirischen Befunden (z.B. Zielke, 1996). Zum Thema Sport und Persönlichkeit wurden seit 1950 zahlreiche Untersuchungen durchgeführt, mit insgesamt eher widersprüchlichen und inkonsistenten Ergebnissen. Auch die vorliegenden Übersichtsartikel (z.B. Singer, 2000) können die Frage der persönlichkeitsbildenden Wirkung des Sports nicht abschließend beantworten. Hinzu kommt, dass traditionellen (meist narrativen) Übersichtsartikeln vorgeworfen wird, sie vernachlässigten statistische Standards, die ansonsten vorausgesetzt werden (Fricke & Treinies, 1985). Das vorliegende Projekt verfolgt vor allem drei Ziele: (1) Ausarbeiten eines Reviews basierend auf einer statistisch zulässigen Methode. (2) Untersuchung der Gültigkeit der Befunde aus (1), wenn die unabhängige Variable Sport in weitere Kategorien unterteilt wird. (3) Ableitung von erzieherischen und politischen Empfehlungen aufgrund der vorliegenden Befunde. Methode Es wurde eine Metaanalyse durchgeführt (vgl. Schlicht 1999). Aufgrund einer computergestützten Literaturrecherche und einem Selektionsprozedere wurden zwischen 19 und 22 Studien in die Metaanalyse integriert. Je nach Persönlichkeitsfaktor entspricht dies zwischen 38 und 44 Stichproben mit zwischen 3618 und 4173 Probanden. Die vorliegende Metaanalyse beschränkt sich auf Studien, die mit dem Cattell 16 PF durchgeführt wurden. Zur Berechnung wurde das Mikrocomputer-Programm META, Version 5.3 von Schwarzer (1989) verwendet. Ergebnisse Die Metaanalyse ergibt, dass Sportler höhere Werte für logisches Schlussfolgern (Faktor B) und für Dominanz (Faktor E) aufweisen als Nichtsportler. Die Korrelationskoeffizienten zeigen allerdings nur kleine Unterschiede auf (rg=0.1622 bzw. rg=0.1578). Die anderen 14 untersuchten Faktoren belegen keine Persönlichkeitsunterschiede zwischen Sportlern und Nichtsportlern. In allen 16 Fällen ergibt die beobachtete Varianz aber heterogene Effektgrössen. Deshalb wird nach weiteren systematischen Einflussfaktoren gesucht (z.B. Geschlecht, Sportartstruktur etc.). Während sich dadurch in einigen Moderatorkategorien die Unterschiede akzentuieren, so werden sie in anderen Kategorien abgeschwächt. Im Allgemeinen liegen aber weiterhin nur wenige (11 von 208 Effektgrössen) homogene und somit reliabel interpretierbare Ergebnisse vor . Diskussion Hauptziel der Untersuchung war, die existierenden Ergebnisse zum Thema Sport und Persönlichkeit mit einer statistisch fundierten Methode zusammenzufassen. Es ist jedoch offensichtlich, dass eine Metaanalyse die bestehenden theoretischen und methodischen Probleme der Persönlichkeitsforschung, wie z.B. die Trait-Orientierung oder die Dominanz von Querschnittsuntersuchungen, nicht abschaffen kann. Ausserdem scheint die Variable Sport zu weit gefasst. Dies ist ein weiterer Grund, weshalb die Ergebnisse heterogen bleiben. Selbst eine Aufgliederung der Variable Sport nach weiteren möglichen Einflussfaktoren ergibt aber nur in den seltensten Fällen homogene Resultate. Einer gewissen Tendenz zum Trotz (Faktor B und E) wird durch die vorliegende Analyse das Vorhandensein von Persönlichkeitsunterschieden zwischen Sportlern und Nichtsportlern nicht bekräftigt. Es wird vermutet, dass die sozialisatorische Kraft des Sports nicht gross genug ist, um Persönlichkeitsunterschiede zwischen Sportlern und Nichtsportlern zu bewirken. Sportler sind also weiterhin als individuelle und einzigartige Persönlichkeiten zu betrachten. Die Tatsache dass jemand Sport treibt, scheint zudem weder ein besonderes Familien- noch erfolgreiches Berufsleben zu versprechen, auch wenn oft auf die gleichartigen Strukturen von Sport und Arbeitswelt hingewiesen wurde. Literatur Berlage, G. (1982). Are children's competitive team sports socializing agents for corporate America? In A. Dunleavy et al. (Eds.), Studies in the Sociology of Sport (S. 309-324). Ft. Worth: Texas Christian University. Coakley, J. (1993). Socialization and sport. In R.N. Singer, M. Murphey & L.K. Tennant (Eds.), Handbook of research in sport psychology (S. 571-586). New York: Macmillan. Fricke, R. & Treinies G. (1985). Einführung in die Metaanalyse. Bern: Huber. Rees, R. (1998). Building character and the globalization of sport. In Feingold, R. et al. (Eds.), Education for life. World Sport Science Congress. Proceedings (S. 281-286). New York: Adelphi University. Schlicht, W. (1999). Meta-Analysen. In B. Strauss & M. Kolb (Eds.), Datenanalyse in der Sportwissenschaft (S. 519-532). Schorndorf: Hofmann. Schwarzer, R. (1989). Meta-analysis programs. Durhand. Schweizerischer Olympischer Verband et.al. (1997). Vademecum des Schweizer Sports. Magglingen. Baspo. Singer, R. (2000). Sport und Persönlichkiet. In H. Gabler, J.R. Nitsch & R. Singer (Hrsg.), Einführung in die Sportpsychologie, Teil 1: Grundlagen (S. 289-336). Schorndorf: Hofmann. Zielke, O. (1996). Judo - der sanfte Weg zur Empathie. Sportpädagogik, 20 (2), S. 49-53.
|