Übersicht Einsatzmöglichkeiten und Erfahrungen
Aufbauend auf einer Literaturrecherche (inkl. Analyse der rechtlichen Grundlagen) wird das ganze Spektrum von elektronischen Busspuren (im weiteren Sinne) aufgezeigt und typologisiert. Bezugnehmend auf die Einteilung von Metron in [2] werden verkehrsorganisatorische Massnahmen an Knoten und Strecken berücksichtigt, und feiner untergliedert. Bauliche und betriebliche Massnahmen sind hingegen nicht Forschungsgegenstand. Eine solche Klassierung elektronischer Busspuren könnte z.B. entsprechend den folgenden Kriterien erfolgen, wobei nicht für jede Merkmalskombination tatsächlich Massnahmen möglich sein werden:
· Strecken: 2, 3, 4-streifige Querschnitte; mit/ohne bauliche Richtungstrennung;
mit/ohne Zwischenknoten/Erschliessungsfunktion
· Knoten: Fahrtrichtung Bus; Anzahl Fahrstreifen Vorsortierung; Knotenform und Steuerung
Diese Typisierung ermöglicht es, für alle denkbaren Situationen nach möglichen Anwendungsformen für elektronische Busspuren zu suchen. Damit wird sichergestellt, dass nicht nur heute in der Schweiz existierende Beispiele dargestellt werden, sondern dass auch neue Lösungsansätze aufgespürt und in der Forschungsarbeit berücksichtigt werden können. Für jede dieser denkbaren Anwendungsformen von elektronischen Busspuren wird ein standardisiertes Fact Sheet erarbeitet. Dieses Blatt soll mindestens die folgenden Aspekte abhandeln:
· Kurzbeschrieb inkl. Schemaskizze
· Existierende Beispiele
· Notwendige technische Ausrüstung (inkl. grobe Kostenangaben)
· Vor-/Nachteile der Massnahme für alle Verkehrsarten (ÖV, MIV, Velo, FG) und für Umfeld
· Hinweise zur Verkehrssicherheit und zur Akzeptanz bzw. möglichen Akzeptanzproblemen
· Hinweise zur rechtlichen Situation (Zulässigkeit gemäss heutigem Strassenverkehrsgesetz)
· Qualitative Beschreibung Einsatzmöglichkeiten/Einsatzgrenzen
Die Akzeptanz von Busbevorzugungsmassnahmen ist in Fachkreisen unbestritten. In der Bevölkerung sind hingegen die Vorbehalte oft gross, aus Angst vor Behinderungen des MIV. Aus Akzeptanzgründen sollten daher Erfolgskontrollen diesen Aspekt mitberücksichtigen, auch wenn die Auswirkungen auf den MIV aus fachlicher Sicht im Einzelfall vielleicht zu Recht vernachlässigt werden können.
Der Forschungsbericht SVI 2001/513 [2] beurteilt verschiedene Beispiele elektronischer Busbevorzugungsmassnahmen in qualitativer Art und Weise. In Ergänzung dazu und den oben dargestellten Fact Sheets wird vorgeschlagen, falls dies aufgrund der Datenlage möglich ist, für 2 bis 3 ausgewählte Beispiele eine (einfache) volkswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Analyse durchzuführen (Indikatoren: Reisezeitgewinne bzw. –verluste im ÖV und MIV, Verlässlichkeit MIV und ÖV, Investitions- und evtl. Betriebskosten der Busbevorzugungsmassnahme).
Mit dieser Kosten-Nutzen-Analyse sollen die realen Auswirkungen der untersuchten Beispiele erfasst werden. In dem gezielt einzelne Variablen verändert werden, hilft diese Analyse auch bei der Festlegung sinnvoller Einsatzgrenzen für bestimmte Massnahmen. D.h. es geht darum anhand der konkreten Beispiele Hinweise zur Beantwortung der folgenden Fragen zu erhalten:
· In welcher Grössenordnung muss das Verhältnis von MIV zu ÖV Belastung sein, damit Kosten oder Nutzen überwiegen?
· Wie gross darf der MIV Zeitverlust ausfallen, damit volkswirtschaftlich kein Schaden entsteht?
· Wie gross dürfen Investitionskosten sein, um eine ÖV-Beschleunigung zu erreichen?
Die erforderlichen Daten werden bei den für die Busmassnahme verantwortlichen Behörden bzw. Transportunternehmungen beschafft. Es werden nur Beispiele ausgewählt, für die ausreichend Daten (auch vom Vorher-Zustand) vorliegen. Auf eigene Erhebungen muss aus Aufwandgründen und weil dies für den Vorher-Zustand oft nicht mehr möglich ist, verzichtet werden.
Als Resultat dieser Analysen können die Fact Sheets im Bereich Einsatzmöglichkeiten/Einsatzgrenzen mit quantitativen Elementen angereichert werden. Ausserdem soll die volkswirtschaftliche Bewertung existierender Beispiele, sofern diese positiv ausfällt, zu einer besseren Akzeptanz künftiger Projekte von elektronischen Busspuren führen.
Simulation typischer Situationen
Die Phase 2 der Forschungsarbeit beschränkt sich auf elektronische Busspuren im engeren Sinne, d.h. auf die Benutzung der Gegenfahrbahn zur Umfahrung von kleinräumigen Stauereignissen vor einem Knoten (bzw. einer Dosieranlage). Die Situationen lassen sich durch folgende Merkmale beschreiben:
· Anzahl Fahrstreifen im gestauten Querschnitt
· Länge des Rückstaus
· MIV-Verkehrsmenge im Querschnitt und Richtungsanteil, Querverkehr am Folgeknoten
· ÖV-Aufkommen im Querschnitt, ÖV-Querfahrten am Folgeknoten
· Stau-Ursache (LSA-Knoten, Kreisel, Pförtneranlage, Fahrstreifenabbau etc.)
· Lage, Anzahl Zwischenknoten, Einmündungen, Parkplätze
· Art und Umfang von Velomassnahmen, Fussgängeranlagen
Je nach konkreter Situation sind für die Reduktion der ÖV-Behinderungen durch den MIV Rückstau verschiedene Massnahmen denkbar. Das folgende Diagramm zeigt schematisch die möglichen Massnahmen (Leistungssteigerungen auf der Strasse sind per Definition nicht berücksichtigt) sowie die ungefähren Einsatzbereiche.
siehe unten Tabelle2
Elektronische Busspuren können sinnvoll bei mittleren bis grossen MIV-Aufkommen und geringen bis mittleren ÖV-Aufkommen eingesetzt werden.
Eine grosse Anzahl ÖV-Kurse würde die Gegenfahrbahn oft blockieren und damit einen genügenden Abfluss des MIV verhindern. In solchen Situationen ist deshalb der Neubau einer Busspur oft die bessere Lösung.
Falls bei einem geringen bis mittleren MIV-Aufkommen mehr als 1 MIV-Fahrstreifen pro Richtung zur Verfügung steht, kann sich auch die dauerhafte Umwandlung eines Fahrstreifens in eine Busspur als sinnvoll erweisen.
Neben den Verkehrsmengen im MIV und im ÖV ist der sinnvolle Einsatzbereich einer elektronischen Busspur auch wesentlich von der Länge des zu umfahrenden Rückstaus abhängig. Je länger der Rückstau, desto länger dauert die Streckensperrung für den Gegenverkehr, d.h. desto geringer sollte die Verkehrsbelastung in Gegenrichtung sein, damit es nicht zu inakzeptablen Verkehrsverhältnissen kommt.
Um diese Einsatzbereiche konkret auszuloten, sollen die Auswirkungen elektronischer Busspuren mit Hilfe von Mikrosimulationen untersucht werden. Der Einbezug aller oben aufgeführten Abhängigkeiten würde zu einer Vielzahl von Untersuchungsfällen führen, die den Rahmen dieser Forschungsarbeit bei weitem sprengen würden. Es wird daher eine Beschränkung auf drei idealtypische Fälle von Knoten mit LSA vorgeschlagen, wobei Anpassungen in Absprache mit der Begleitkommission möglich sind (vgl. Anhang 1). Für alle drei Fälle ist grundsätzlich ein Vorgehen geplant, in dem stufenweise die Verkehrsbelastung im MIV und im ÖV gesteigert wird und so für verschiedene Belastungszustände (d.h. unterschiedliche Kombinationen von MIV und ÖV Belastung) die mittleren Warte- bzw. Verlustzeiten für alle Verkehrsmittel berechnet werden können.
Vereinfachend werden Ganglinieneffekte vernachlässigt und ein „stabiler“ Zustand über den Zeitraum einer Stunde (=Spitzenstunde) simuliert. D.h. innerhalb dieses Untersuchungszeitraumes entspricht der Zufluss zum Stau dem entsprechenden Abfluss und die Staulänge bleibt konstant. Mit unterschiedlichen Annahmen zu Rückstaulängen (in drei Stufen z.B. 100m, 200m, 500m) und unterschiedlichen Annahmen zum Anteil des Gegenverkehrs an der gesamten Querschnittsbelastung (in zwei Stufen z.B. 40%, 30%) ergeben sich so insgesamt 18 Untersuchungsfälle. Annahmen zum Fussgängeraufkommen und zu den übrigen Knotenströmen vervollständigen die Definition der Untersuchungsfälle. Hier ist vorgesehen, feste Annahmen zu treffen und keine zusätzlichen Untervarianten zu kreieren. Veloverkehr, Parkierung und Einmündungen werden in dieser Simulation vernachlässigt.
Aus diesen Kennziffern und Überlegungen zu den notwendigen Investitions- und Betriebskosten für die Einrichtung einer elektronischen Busspur wird der Gesamtnutzen bzw. ein vereinfachtes Nutzen-Kosten-Verhältnis errechnet. Dort wo dieses Verhältnis über 1 liegt, ergibt sich damit ein sinnvoller Einsatzbereich für elektronische Busspuren im engeren Sinne. Daraus resultiert für jeden Untersuchungsfall ein Diagramm zur Definition des sinnvollen Einsatzbereiches für elektronische Busspuren.
In Ergänzung zu den Simulationsberechnungen für Knoten fliessen in dieser Phase ebenfalls die Erkenntnisse aus der eingangs erwähnten Fallstudie Lenzerheide – Chur ein. Der Kanton Graubünden befasst sich seit längerem mit Lösungsmöglichkeiten zur Behebung der Verkehrsprobleme im Raum Chur bzw. auf der Strecke Lenzerheide – Chur. Diese Probleme dürften sich mit der geplanten Verbindung der Skigebiete Lenzerheide und Arosa weiter verschärfen. Bis anhin standen vor allem strassenunabhängige Lösungen im Vordergrund, um das Kapazitätsproblem, welches sich ausschliesslich an 10 bis 20 Sonntagen im Jahr (Rückreiseverkehr Skifahrer) zeigt, zu lösen. Rapp Trans untersucht momentan im Auftrag des Kantons alternativ Möglichkeiten für eine leistungsfähige und zuverlässige ÖV-Erschliessung auf der Strasse mit Hilfe von Verkehrsmanagementlösungen. Anhand eines konkreten Fallbeispiels über einen längeren Streckenabschnitt werden die verkehrlichen Auswirkungen der folgenden Varianten untersucht:
· Einrichtung von elektronischen Busspuren an 6 neuralgischen Punkten
· Ausfahrtsdosierung an 5 grossen Parkplätzen
· Einrichtung von Fahrbahnhaltestellen für den Bus
· 2 Kombinationsvarianten
Für sämtliche 5 Varianten werden konkrete Lösungsskizzen erarbeitet und die notwendige technische Ausrüstung für die Verkehrsmanagementmassnahmen ermittelt. Die verkehrlichen Auswirkungen für alle Varianten werden anschliessend mit Hilfe einer Mikrosimulation für zwei unterschiedliche Verkehrszustände (Ist-Zustand, Prognosezustand mit Busverdichtung und Mehrverkehr) errechnet. Daraus können unter anderem die folgenden Fragen beantwortet werden:
· Welches sind die am meisten staugefährdeten Abschnitte?
· Welche Reisezeitgewinne bzw. –verluste ergeben sich für den ÖV bzw. MIV in den unterschiedlichen Varianten?
· Wie stark kann die Fahrplanstabilität im ÖV beeinflusst werden?
· Wie muss ein System von mehreren aufeinanderfolgenden Abschnitten mit elektronischen Busspuren gesteuert werden.