Die Blauzungenkrankheit (BT) ist eine nicht kontagiöse virale Erkrankung der Wiederkäuer. Das Virus wird durch Mücken der Gattung Culicoides ssp übertragen. BT gehört den auszurottenden Krankheiten (ehemalige Liste A der OIE). Die BT rückt seit Jahren auf die Schweiz zu. Ursprünglich aus Südafrika, wandert der Erreger seit Ende der 90-iger Jahre nordwärts und kommt seit längerem im Mittelmeerraum (u.a. Griechenland, Türkei) und Baltikum (u.a. Bulgarien, Rumänien) vor. Im Spätsommer 2006 trat die Krankheit überraschenderweise erstmals nördlich der Schweiz in Belgien (B), Deutschland (D), den Niederlanden (NL), im nördlichen Frankreich (F) und Luxemburg (L) auf und hat somit sich deutlich über die bisherige Grenze des 400 Nord ausgedehnt. Beim Erreger handelte es sich um ein in Europa bisher nicht vorkommendes BT-Virus (BTV), den Serotyp 8 und somit um eine “emerging disease“.
Die Schweiz betreibt seit 2004 ein BT Überwachungsprogramm. Eine Einschleppung der Krankheit wurde bislang nicht registriert. Die Krankheit war bisher in Europa vor allem auf Gebiete mit dem Vorkommen des Hauptvektors Culicoides imicola beschränkt, nur vereinzelt konnten kleinere Ausbrüche in Gebieten ohne C. imicola festgestellt werden. Die Situation hat sich nun seit den Ausbrüchen in Zentraleuropa drastisch verändert. Die schnelle Ausbreitung der Krankheit über weite Gebiete der betroffenen Länder, trotz Absenz von C. imicola kann nur damit begründet werden, dass weitere in diesen Ländern stark verbreitete Culicoides Arten wie z.B. C. obsoletus, pulicaris oder dewulfi auch als Vektoren fungieren können. Die Wahrscheinlichkeit, dass die in B, D und den NL beteiligten (zum Teil noch nicht identifizierten) Vektoren auch in der Schweiz vorkommen, ist äusserst hoch. Im Moment ist es noch unklar, ob das Virus in den Mücken oder Klauentieren der betroffen Ländern überwintern kann. Allerdings zeigen Studien, dass sich bei kälterem Wetter C. obsoletus in Stallungen zurückzieht und dort auch bei Tieren Blut saugt. Weiter sind nach wie vor noch neue Fälle (Kalenderwoche 50 2006 mit 15 neuen Fällen in Deutschland) zu verzeichnen. Wird die Krankheit in diesen Gebieten überwintern können, wird es wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis die ersten infizierten Mücken oder Tiere in der Schweiz vorgefunden werden. Die Ausbrüche in B, D und NL haben gezeigt, dass sich die Krankheit vor allem entlang der vorherrschenden Windrichtungen ausbreitete und es wird angenommen, dass die Mücken viele Kilometer via Wind verfrachtet werden können. Wie das Virus ursprünglich in diese Region eingeschleppt worden ist, ist nach wie vor unklar.
Die Ausbrüche in Zentraleuropa wurden erst einige Wochen nach dem Primärausbruch in B in den NL diagnostiziert, dies vor allem weil die klinischen Symptome und Mortalität, nicht wie bei Schafen zu erwarten ist, gering waren. Dies wurde auch bei Tierversuchen mit dem Pommerschen Landschaf (Deutsche Rasse) bestätigt, Versuche am Dorset Schaf (Englische Rasse) hingegen zeigten, dass das BTV-8, trotzdem fähig ist starke klinische Symptome zu verursachen (pers. Mitteilung Bernd Hoffmann; FLI, Insel Riems). Das klinische Bild von BTV-Infektionen beim Schaf hängt einerseits von der Vektorendichte, Art der Vektoren, dann aber auch vom BTV-Serotyp und der Schafrasse ab. Bisher gibt es keine publizierten Daten aus Tierversuchen mit dem BTV-8 welche die Klinik, Pathologie, den Antikörper Titerverlauf und den Virusload beschreiben und logischerweise auch keine Daten zu Schweizer Schafrassen.
Da sich die Ausbrüche sehr schnell ausweiten können, ist eine, auf die Beobachtung von klinischen Symptomen beim Schaf (oder allenfalls Rind) abgestützte, Surveillance unter Umständen die einzig noch machbare Überwachung. Dies auch weil Laborkapazitäten schnell an ihre Grenzen stossen könnten, insbesondere zu Beginn eines Ausbruchs, wenn die „In-Herd“ Prävalenz der Krankheit nur einige Prozente betragen kann und zur sicheren Diagnose die ganze Herde untersucht werden müsste.
Hätte man Hinweise, wie sich der BTV-8 Serotyp in ausgewählten Schweizer Schafrassen verhält, könnte die Überwachung gezielt darauf abgestützt werden und gleichzeitig auch die “Disease Awareness“ verbessert werden.
Weiter richten gewisse Länder (z.B. Belgien) ihre möglichen Impfstrategien nach der Ausprägung der zu erwartenden Klinik aus; so bestehen Absichten beim Auftreten von milden Symptomen nicht zu impfen, bei massiven Symptomen hingegen schon (Bluetongue Veranstaltung BVET November 2006).