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Forschungsstelle
BBT
Projektnummer
BB.2004.0041
Projekttitel
2. Erhebung der Kosten und des Nutzens der betrieblichen Lehrlingsausbildung in der Schweiz
Projekttitel Englisch
2nd survey on costs and benefits of apprenticeship training in Switzerland

Texte zu diesem Projekt

 DeutschFranzösischItalienischEnglisch
Schlüsselwörter
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Kurzbeschreibung
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Projektziele
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Abstract
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Umsetzung und Anwendungen
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Erfasste Texte


KategorieText
Schlüsselwörter
(Deutsch)
Kosten, Nutzen, Lehrlingsausbildung, Berufsbildung
Schlüsselwörter
(Englisch)
Costs, Benefits, Apprenticeship Training, Vocational Education and Training
Schlüsselwörter
(Französisch)
Coût, Bénéfice, Formation des apprentis, formation professionnelle, apprentissage
Kurzbeschreibung
(Deutsch)
Das Projekt beabsichtigt aufgrund einer repräsentativen Befragung von Schweizer Unternehmen die Kosten-Nutzen-Relation der betrieblichen Lehrlingsausbildung zu erfassen. Dabei werden auch die Determinanten der Kosten- und der Nutzenkom-ponenten eruiert werden. Eine Hochrechnung soll schliesslich die gesamten Aus-gaben und den gesamten Nutzen der Lehrlingsausbildung aus der Sicht der Be-triebe berechnen. Die Erhebung mit dem Stichdatum September 2004 dient auch als Vergleichsgrösse zur ersten Erhebung mit dem Stichdatum September 2000. Neben ausbildenden Firmen wird auch eine Stichprobe von nicht-ausbildenden Firmen befragt. Damit sollen die Determinanten, welche die Ausbildungsbereits-chaft beeinflussen bestimmt werden.
Kurzbeschreibung
(Englisch)
The project intends on the base of a representative survey of Swiss firms to assess the cost-benefit-relation of firm-based apprenticeship training. Additionally the pro-ject will identify the determinants of the cost- and benefit-components. A projection will calculate the volume of all costs and benefits of apprenticeship training from the perspective of training firms. The survey of 2004 will also serve in comparison to the first survey conducted in 2000. Besides the training companies a representative sample of non-training firms will also be surveyed. They will serve to assess the determinants of the training willingness of firms.
Projektziele
(Englisch)
Calculate the cost-benefit ratio of apprenticeship training from the perspective of firms in Switzerland. Identify the determinants of the components of cost and benefits for the training companies and identify the determinants of training willingness.
Abstract
(Deutsch)

Perspektiven der Wirtschaftspolitik

Ausbildungskosten und -nutzen und die betriebliche Nachfrage nach

Lehrlingen1

Stefan C. Wolter

(Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung & Universität Bern)

1. Einleitung: Ein (zu) lange vernachlässigtes Thema?

Abgesehen von einzelnen Beiträgen hat die ökonomische Analyse der Berufsbildung in der

volkswirtschaftlichen Disziplin ein Schattendasein gefristet, das aus verschiedenen Gründen

recht erstaunlich ist. Denn die Berufsbildung in ihrer dualen Ausprägung, wie sie in den

deutschsprachigen Ländern noch vorherrscht, ist im günstigsten Fall eine gelungene

Verbindung zwischen Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Bildungssystem und somit eigentlich

geradezu prädestiniert für ökonomische Analysen.

Mit ein Grund für das lange Desinteresse der ökonomischen Forschung an der Berufsbildung

mag auch deren gutes Funktionieren gewesen sein, sowie der – auch durch die Wirtschaft –

lange aufrechterhaltene Mythos, dass es bei der betrieblich basierten Bildung gar nicht um

eine ökonomische Entscheidung, sondern viel mehr um Tradition und gesellschaftspolitisches

Verantwortungsbewusstsein gehe. Spätestens in den neunziger Jahren stellten

Ungleichgewichte auf den Lehrstellenmärkten, die fortschreitende Globalisierung der

Wirtschaft und die Forderungen nach einer Flexibilisierung der Arbeitsmärkte die

Fundamente deutschsprachiger Berufsbildungssysteme in Frage. Der arbeitsmarktliche und

bildungspolitische Notstand traf aber auf eine ökonomische Wissenschaft, die auf

Fragestellungen zur ökonomischen Funktionsweise der Berufsbildung nicht sonderlich gut

vorbereitet war.

Das Desinteresse des wissenschaftlichen Mainstreams hatte einerseits ein Fehlen theoretischer

Konzepte zur Erklärung des Verhaltens der ausbildenden Betriebe und andererseits eine

ungenügende statistische Basis für weiterführende empirische Analysen zur Folge. Obwohl

1 Der Autor dankt insbesondere Jürg Schweri und Samuel Mühlemann für die Durchführung der Kosten-Nutzen-

Erhebungen der Jahre 2000 und 2004 in der Schweiz und die Forschungszusammenarbeit. Besonderen Dank

schuldet der Autor dem Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) für die grosszügige und

langfristige finanzielle Unterstützung der hier teilweise referierten Forschungsprojekte. Schliesslich gilt der

Dank auch Ludger Wössmann und Robert von Weizsäcker für ihr Interesse und ihre Unterstützung bei der

Vorbereitung der Jahreskonferenz des Vereins für Socialpolitik 2007 in München.

2

Friedrich Edding, ein Bildungsökonom der ersten Stunde, schon in den siebziger Jahren

betriebliche Kostenerhebungen zur Berufsbildung gemacht hatte, waren diese Daten nicht

wirklich in die ökonomische Forschung eingeflossen.2 Nicht besser erging es zunächst seinen

Nachfolgern (siehe v. Bardeleben et al. 1991, 1995 und 1997), obwohl ihre Erhebungen es

zumindest schafften, als Anschauungsmaterial in einem für die Literatur zur betrieblichen

Ausbildungsfinanzierung wegweisenden Artikel (siehe Acemoglu und Pischke 1998,

1999a&b) erwähnt zu werden. Allerdings brauchte es erst substantielle Verbesserungen in den

Kosten und Nutzen-Erhebungen (siehe Kapitel 3 dieses Aufsatzes), damit die Daten

überhaupt für Überprüfungen ökonomischer Hypothesen taugten. Solche Datensätze

entstanden um die Jahrhundertwende in Deutschland (Beicht et al. 2004) und der Schweiz

(Schweri et al. 2003 und neu Mühlemann et al. 2007b).

Der vorliegende Aufsatz arbeitet in Kurzform die Entwicklungen in der Messung von Kosten

und Nutzen der Berufsbildung aus betrieblicher Sicht auf und zeigt deren Nutzen für die

Erklärung des betrieblichen Engagements der Berufsbildung. Das abschliessende Kapitel

bietet ein Ausblick auf Fragestellungen, deren Bearbeitung noch anzugehen ist, wofür aber

weitere Verbesserungen der Datenlage von Nöten wären.

Einleitend ist auch darauf hinzuweisen, dass die in diesem Aufsatz referierte Literatur und

Resultate ausschliesslich die duale Form der Berufsbildung betreffen, d.h. jenen Teil der

Berufsbildung, bei der dem Betrieb nicht nur die Rolle des Arbeitgebers zufällt, sondern auch

ein grosser Teil der Ausbildungsaufgaben. Die vollschulischen berufsbildenden Angebote

werden somit nicht abgedeckt, obwohl diese in allen deutschsprachigen Ländern, allerdings

mit unterschiedlicher Ausprägung, im Vormarsch sind.

2. Der betriebliche Ausbildungsentscheid in der Theorie

2.1. Generelles und betriebsspezifisches Humankapital

Grundsätzlich gibt es keine eigenständige ökonomische Theorie der Lehrlingsausbildung.

Diese braucht es aber auch nicht, da die generellen Konzepte der Humankapitaltheorie und

ihre Erweiterungen problemlos auf die Fragestellungen der Berufsbildung angewandt werden

können. Als Ausgangspunkt der ökonomischen Betrachtung eines Bildungsentscheides aus

der Sicht einer Firma kann also die Humankapitaltheorie genommen werden, wie sie von

2 Friedrich Edding (1909-2002) war zwischen 1972-1974 Vorsitzender der durch die deutsche Bundesregierung

eingesetzten Sachverständigenkommission zur Untersuchung der Kosten- und Finanzierung der ausserschulischen

beruflichen Bildung (der sogenannten Edding Kommission).

3

Becker (vgl. Becker 1962 & 1964) und anderen anfangs der 60er Jahre des letzten

Jahrhunderts entwickelt wurde. Dabei geht es weniger um die Frage, ob der Betrieb als

Anbieter von Ausbildung auftreten soll, und falls ja, unter welchen Bedingungen, als darum,

ob der Betrieb für die Kosten der Ausbildung aufkommen soll oder nicht. Becker und die

nachfolgenden Autoren lösten dieses Problem mit der Unterscheidung von zwei Formen von

Humankapital, die als Ergebnis von Ausbildung entstehen können. Auf der einen Seite gibt es

generelles Humankapital und auf der anderen Seite betriebsspezifisches Humankapital.3

Dabei ist für die ökonomische Entscheidung der betrieblichen Finanzierung der Ausbildung

vor allem das Ausmass der Übertragbarkeit des an ein Individuum gebundenen

Humankapitals von einem Arbeitgeber zum anderen entscheidend. Aus den theoretischen

Herleitungen lässt sich folgern, dass für die Finanzierung des generellen Humankapitals

immer der Arbeitnehmer aufzukommen hat. Aufgrund der vollständigen Übertragbarkeit des

Wissens von einem Arbeitgeber zu einem anderen wäre es dem Arbeitgeber unmöglich, seine

Investition zu amortisieren, weil der betreffende Arbeitnehmer seine gestiegene

Arbeitsproduktivität jederzeit bei einem Konkurrenten besser entlohnen lassen könnte. Somit

würde ein Versuch des Arbeitgebers, ein Lohnangebot zu unterbreiten, welches unter der

individuellen Grenzproduktivität eines Arbeitnehmers läge, um die Ausbildungskosten zu

kompensieren, mit einer Kündigung seitens des Arbeitnehmers quittiert.

Bei betriebsspezifischem Humankapital hingegen verlöre der Arbeitnehmer den dadurch

bedingten Produktivitätsvorteil bei einem Arbeitgeberwechsel, was folglich seine

Kündigungswahrscheinlichkeit auch dann tief hält, wenn er einen Lohn erhält, der unterhalb

seiner Grenzproduktivität liegt. Damit ist eine Situation gegeben, in der der Arbeitgeber in das

Humankapital seiner Mitarbeitenden investieren kann, weil er diese Investition später auch

durch eine „Lohnmässigung“ der Arbeitnehmer amortisieren kann.

Aus den Anfängen der Humankapitaltheorie liess sich für die Berufsbildung ableiten, dass

sich der Arbeitgeber bei der Ausbildung des Lernenden anteilsmässig am betriebsspezifischen

Humankapital finanziell beteiligen würde, während der Lehrling einen Teil des

betriebsspezifischen und das gesamte generelle Humankapital selbst zu finanzieren hätte.

Unter diesen Bedingungen würde eine Firma nur dann Ausbildungsplätze anbieten, wenn es

ihr gelingen würde, ihre Ausbildungskosten (inkl. Lehrlingslohn) deutlich unter dem

produktiven Beitrag des Lehrlings zum Geschäftsergebnis zu halten. Die Differenz zwischen

3 Auf die im Laufe der Zeit gemachten Neuinterpretationen der Beziehungen zwischen betriebsspezifischem und

generellem Humankapital (Feuer et al. 1987 oder Kessler und Lülfesmann 2006) oder der generellen

Neudefinition von Humankapital (Lazear 2003) wird hier aus Platzgründen nicht weiter eingegangen.

4

der Wertschöpfung und den Ausbildungskosten wäre umgekehrt der Finanzierungsanteil des

Lehrlings. Im Extremfall, wenn entweder die Ausbildungskosten sehr hoch oder der

produktive Beitrag des Lehrlings sehr tief wären, würden Unternehmer nur dann Lehrlinge

ausbilden, wenn sie letzteren einen „negativen“ Lohn bezahlen könnten, d.h. quasi ein

Ausbildungsgeld verlangen könnten. Ebenfalls denkbar wäre eine vertragliche Bindung des

Arbeitnehmers an den Arbeitgeber, welche letzterem garantieren würde, dass aufgrund der

entfallenen Kündigungsmöglichkeit die Ausbildungsinvestition nach der Ausbildung wieder

über eine Lohnmässigung seitens des Arbeitnehmers kompensiert werden könnte. Die Form

des Ausbildungsgeldes hat in der Schweiz keine praktische Bedeutung mehr, und auch eine

vertragliche Bindung über die Ausbildungszeit hinaus ist weder explizit noch implizit

anzutreffen, da der Arbeitsvertrag des Lehrlings mit der Ausbildungsfirma automatisch mit

dem Ende der Lehre endet. Allerdings gibt es in anderen Ländern Fälle, in denen staatliche

oder sozialpartnerschaftliche Regulierungen dafür sorgen, dass die Mobilität der ehemaligen

Lehrlinge nach der Lehre stark eingeschränkt ist, was einer expliziten vertraglichen Bindung

über die Lehrzeit hinaus recht nahe kommt.

Auf den Ausbildungsentscheid bezogen kann man aber aus der Beckerschen Unterteilung von

generellem und betriebspezifischem Humankapital ableiten, dass Firmen nur dann bereit sind,

Lernende auszubilden, wenn entweder der betriebsspezifische Anteil der Ausbildung recht

hoch ist, oder die Möglichkeit besteht, den Lernenden produktiv so stark einzusetzen, dass die

Kosten des generellen Humankapitals durch den Lernenden selbst getragen werden, d.h. für

den Betrieb zum Ausbildungsende keine ungedeckten Ausbildungskosten mehr bestehen. In

der Realität versucht die Berufsbildungspolitik den Anteil des generellen Humankapitals hoch

zu halten, damit die horizontale Mobilität der im Berufsbildungssystem ausgebildeten

Fachkräfte nicht unnötig eingeschränkt wird. Somit kommt den Nettokosten der Ausbildung

während der Lehre für den Ausbildungsentscheid eine bedeutende Rolle zu. Diese

Nettokosten werden in der Regel durch die Sozialpartner mittels vier wichtigen Parametern

gesteuert, auf die teilweise noch näher eingegangen werden wird: (1) Die Höhe der Löhne der

Lernenden, (2) die gesetzlich vorgeschriebene Dauer des Lehrverhältnisses, (3) die

vorgeschriebene Abwesenheitszeit vom Arbeitsplatz und (4) die Mobilität der Lernenden

nach Lehrende.

2.2 Ausweitungen der Humankapitaltheorie und ihre Konsequenzen4

4 Für eine Literaturübersicht siehe auch Leuven (2005).

5

Da es sich in den wenigsten Fällen eindeutig feststellen lässt, ob das durch die Ausbildung

geschaffene Humankapital inhaltlich nun generell oder betriebsspezifisch ist, wurde in der

empirischen Forschung während längerer Zeit einfach von der beobachteten

Finanzierungssituation auf den Charakter des Humankapital rückgeschlossen.

Mit der Zeit fiel jedoch auf, dass sowohl bei einzelnen Betrieben wie auch ganzen Systemen

die Kostenbeteiligung der Firmen an der Ausbildung von Mitarbeitenden so hoch war, dass

dies nur damit erklärt werden konnte, dass die Firmen entgegen der Vorhersagen der Theorie

auch generelles Humankapital finanzierten. Diese Vermutung wurde auch durch die Analyse

des vermittelten Humankapitals gestützt, welche in den meisten Fällen nur bedingt rein

betriebsspezifisches Humankapital zeigte. Im Bereich der Berufsbildung kommt – wie bereits

erwähnt – hinzu, dass die staatliche Regulierung des Ausbildungsinhaltes und die

Zertifizierung des Abschlusses eigentlich dafür sorgen müssten, dass das erworbene

Humankapital transferierbar ist.

Da wie oben beschrieben die Finanzierung von generellem Humankapital durch die

Arbeitgeber nur in sehr spezifischen Fällen ökonomisch erklärbar wäre (geringer bis negativer

Lehrlingslohn oder vertragliche Bindung an den Betrieb über die Lehre hinaus), lag es auf der

Hand, dass die Erklärung dafür durch eine Erweiterung der klassischen Interpretation der

Humankapitaltheorie gefunden werden musste.

Vor allem in den neunziger Jahren erschienen viele verschiedene Ansätze, welche zwar im

Rahmen der traditionellen Humankapitaltheorie, aber durch Abschwächung der Annahmen

des vollkommenen Marktes versuchten, das Ausbildungsverhalten der Unternehmer so zu

erklären, dass es mit den empirischen Beobachtungen besser im Einklang steht. Dies ging

etwa über die Neuinterpretationen der Beziehungen zwischen betriebsspezifischem und

generellem Humankapital oder über Aspekte der Personalselektion (Screening und

Selbstselektion). Bei letzteren dient die Vermittlung von generellem Humankapital durch die

Arbeitgeber der Auswahl besserer Mitarbeiter (bspw. Sadowski 1980) im Rekrutierungs- und

Selektionsprozess, was dazu führt, dass Arbeitgeber Transaktionskosten, die bei

Fehleinstellungen oder zu hohen Fluktuationsraten entstehen würden, einsparen können.

Informationsasymmetrien zwischen den Arbeitgebern, welche dazu führen, dass der

ausbildende Arbeitgeber einen Informationsvorteil über die wahre Produktivität des

Mitarbeiters gegenüber anderen Arbeitgebern gewinnt, kann ebenso ein Grund für

Ausbildungstätigkeit sein (vgl. Katz und Ziderman 1990, Franz und Soskice 1995, Autor

2001 oder Clark 2001). Lehrlingsausbildung würde in diesem Zusammenhang vor allem dem

6

Erfassen der wahren Produktivität eines Mitarbeitenden dienen. Dies in der Phase der

Lehrlingsausbildung zu tun, wäre zudem für den Betrieb deutlich kostengünstiger, als es bei

ausgebildeten Fachkräften machen zu müssen.

Schliesslich lockerten Acemoglu und Pischke (1998 & 1999a&b) die Bedingung in der

klassischen Humankapitaltheorie, dass Arbeitsmärkte kompetitiv sind und erlaubten

Friktionen. Dies führt dazu, dass sich so genannte komprimierte Lohnstrukturen herausbilden

können, die sich dadurch auszeichnen, dass höher ausgebildete Arbeitskräfte relativ zu ihrer

tatsächlichen Produktivität weniger verdienen als schlechter ausgebildete Arbeitskräfte, was

für die Arbeitgeber einen Anreiz schafft, in generelles Humankapital ihrer Mitarbeiter zu

investieren. Wichtig bei diesem Modell ist aber, dass die Friktionen auf dem Arbeitsmarkt

nicht einfach zu einer generellen Differenz zwischen individuellen Löhnen und individueller

Produktivität führen, sondern zu einer in Abhängigkeit des erworbenen Humankapitals

ansteigenden Differenz.

All diesen Erweiterungen gemeinsam ist die Möglichkeit der Arbeitgeber, auch bei der

Vermittlung und Finanzierung von generellem Humankapital eine Situation zu schaffen, in

der sie diese Investition später durch eingesparte Transaktionskosten oder Löhne, die unter

der Grenzproduktivität liegen, wieder kompensieren können.

Die Erweiterung der traditionellen Humankapitaltheorie durch Acemoglu und Pischke hatte

den zusätzlichen Vorteil, dass damit auch ein systemisches Argument eingeführt wurde.

Ganze Länder oder Wirtschaftsräume zeichnen sich durch mehr oder weniger kompetitive

Arbeitsmärkte aus. Dementsprechend gibt es Länder oder Sektoren, in denen sich ein

Berufsbildungssystem etablieren kann oder auch nicht.

Die Erweiterungen der Humankapitaltheorie gingen mehrheitlich davon aus, dass die

Lehrlingsausbildung für den Arbeitgeber einen finanziellen Verlust darstellt

(Nettoinvestition), der aber nach der Lehre durch die Weiterbeschäftigung ehemaliger

Lernenden wieder kompensiert werden kann. Die Ausbildungsbereitschaft hängt somit von

der Möglichkeit ab, nach der Berufslehre einen zusätzlichen Nutzen aus den selbst

ausgebildeten Leuten ziehen zu können, ohne dass diese deswegen zu einem anderen

Arbeitgeber abwandern. Für den Ausbildungsentscheid der Betriebe stellen sich aus

ökonomischer Sicht vor allem zwei Fragen: Stellt die Lehrlingsausbildung während der

Lehrzeit tatsächlich eine Nettoinvestition für den ausbildenden Betrieb dar und falls ja, lässt

sich diese durch einen Nutzen nach der Lehre rechtfertigen. Für letzteres steht dann auch die

Mobilität der Lehrlinge nach der Lehre im Zentrum der Analyse, da der Arbeitgeber potentiell

7

ja nur einen Nutzen aus jenen Lehrlingen erzielen kann, die nach Lehrende auch bei ihm

bleiben.

Aber auch wenn für den Ausbildungsentscheid der nach der Ausbildung potentiell zu

erzielende Nutzen im Vordergrund steht, sind die Nettokosten während der Ausbildung auch

in diesem Fall aus zwei Gründen eine entscheidende Grösse: Erstens geben diese einen

Hinweis darauf, wie stark der Ausbildungsentscheid von einem zusätzlichen Nutzen nach der

Lehre abhängt, und wenn ja, in welchen Lehrberufen, Branchen oder Firmentypen, und

zweitens wirken Veränderungen in den Nettokosten während der Ausbildung ceteris paribus

auch unabhängig vom potentiellen Nutzen nach der Lehre auf den Ausbildungsentscheid ein.

Solche Veränderungen der Nettokosten sind in der Regulierung des Berufsbildungswesens

relativ häufig, während Veränderungen, die den Nutzen nach der Lehre beeinflussen, wie

beispielsweise die Arbeitsmarktregulierung, eher seltener auftreten. Obwohl also die

Bedeutung der Nettokosten während der Ausbildung für den Ausbildungsentscheid eigentlich

auf der Hand läge, sind diese Daten bis vor kurzem nicht in empirische Überprüfungen des

Ausbildungsentscheides einbezogen worden. Stattdessen arbeitete man (siehe bspw.

Neubäumer und Bellmann 1999, Franz et al. 2000, Franz und Zimmermann 2002, Müller und

Schweri 2006 oder Stöger und Winter-Ebmer 2002) mit Dummyvariablen, die Unterschiede

in den Nettokosten zwischen den Betrieben (z.B. Betriebsgrösse) oder Veränderungen in den

Nettokosten über die Zeit (z.B. Lehrlingslöhne) abbilden sollten. Die Nichtberücksichtigung

der Nettokosten der Ausbildung lag jedoch vor allem am Nichtvorhandensein entsprechender

Daten und weniger an einer als gering eingeschätzten Bedeutung für den

Ausbildungsentscheid.

3. Fortschritte in den Kosten- und Nutzenmessungen

In der Entwicklung von Kosten- und Nutzenmessungen können grob verkürzt vier

Entwicklungsschritte festgemacht werden, welche über die Zeit die Aussagekraft dieser Daten

deutlich erhöht haben.

1. Bei den ersten Messungen wurden vor allem die Kosten, die bei einer

Lehrlingsausbildung auf der betrieblichen Seite anfallen, recht akribisch zu erfassen

versucht, doch der Nutzenteil war sowohl konzeptionell wie auch datenmässig eher

unterentwickelt. Man muss sich dabei aber auch vor Augen halten, dass die ersten

Messungen vor allem dem Zweck dienten, die betrieblichen Aufwendungen zu

8

beziffern, nicht zuletzt, um bildungsstatistisch die öffentlichen Bildungsausgaben mit

den betrieblichen, d.h. privaten Ausgaben komplettieren zu können.

2. Der zweite Entwicklungsschritt betraf die Nutzenseite, da neben den rein

bildungsstatistischen Fragestellungen nun auch vermehrt wirtschaftliche Fragen ins

Zentrum des Interesses rückten und es dafür notwendig war, die Nettoaufwendungen

der Betriebe, und nicht bloss die Bruttokosten zu kennen. Eine Problematik, die dabei

zutage tritt, ist jene, dass der Nutzen im Gegensatz zu den Kosten aus zwei Gründen

viel schwieriger operationalisierbar ist. Erstens sind all jene Nutzenaspekte, die nicht

direkt mit der produktiven Tätigkeit der Lernenden zu tun haben, wie bspw.

Reputationsgewinne durch Ausbildung, Zugang zu neuem Wissen (über die

Berufsschulen) und andere mehr, nur schwer zu beziffern. Zweitens fällt für die

Betriebe auch nach Ende des Ausbildungsverhältnisses noch ein Nutzen an (siehe

vorangehendes Kapitel), falls die Lernenden im Betrieb weiterbeschäftigt werden,

doch ist dieser Nutzen ist aus offensichtlichen Gründen viel schwieriger zu erfassen

als der Nutzen während der Lehrzeit. In den neueren Untersuchungen wurden so

genannte rekrutive Opportunitätserträge berechnet, die einen kurz- bis mittelfristigen

Ertrag nach Ausbildungsende abbilden sollen. Eine komplette Berechnung aller

Kosten- und Nutzenströme, die aus einem Ausbildungsverhältnis entstehen können, ist

somit aber nicht möglich.

Es stellt sich die Frage, wie wichtig die Nettokosten während der Lehre ökonomisch

denn überhaupt sein können. Abgesehen von den erwähnten Problemen, die sich bei

einem Versuch einer Berechnung der vollständigen Nettokosten, also inklusive der

Erträge nach der Ausbildung, ergeben würden, gibt es drei Gründe, weshalb die

Nettokosten der Ausbildung an sich (auf die Lehrzeit beschränkt) bereits ökonomisch

wertvoll sind. Erstens wirken Veränderungen in den Nettokosten der Ausbildung (wie

bereits oben erwähnt) ceteris paribus auch auf die gesamten Nettokosten einer

Ausbildung. Die Nettokosten, die während der Ausbildung anfallen, wären nur dann

relativ unbedeutend, wenn sie im Verhältnis zu den Erträgen nach der Lehre sehr klein

wären, wogegen schon die zeitliche Distanz (Abschreibung der Nutzenströme) und das

Risiko der Kündigung des Mitarbeitenden sprechen. Zweitens wirkt eine

Flexibilisierung der Arbeitsmärkte über eine erhöhte Mobilität der Erwerbstätigen

automatisch in die Richtung, dass die Nettokosten während der Lehrzeit immer

bedeutender werden. Steigt das Risiko, dass ein Lehrbetrieb seine ausgebildeten

Fachkräfte nach der Ausbildung an Konkurrenten verliert, sehr stark an, reduziert sich

9

der betriebliche Ausbildungsentscheid praktisch ausschliesslich auf die Nettokosten

während der Lehrzeit. Drittens muss berücksichtigt werden, dass bei der Berechnung

der Kosten und des Nutzens einer Ausbildung immer das Opportunitäts-

Kosten/Nutzen-Prinzip beachtet werden muss. Dies bedeutet, dass Nutzen, der auch

bei extern rekrutierten Fachkräften anfällt, in dem man ihnen beispielsweise einen

Lohn unterhalb ihrer Grenzproduktivität bezahlen kann, nicht als Ertrag aus einer

Ausbildung aufgefasst werden kann. Bei vielen Aspekten des Nutzens nach der

Ausbildung muss dieser Punkt berücksichtigt werden, was die Bedeutung der

Nettokosten während der Ausbildung nochmals verdeutlicht.

3. Der dritte Entwicklungsschritt betraf die Differenzierungen in der Datenerhebung nach

Lehrberufen. Während bis zu den sich auf das Erhebungsjahr 2000 beziehenden

Untersuchungen Durchschnittswerte im Vordergrund standen (mit Differenzierungen

nach Firmengrösse und Branche), wurden nun sowohl in Deutschland wie der Schweiz

die Daten lehrberufsspezifisch erhoben. Diese Neuerung brachte sowohl in Bezug auf

die Repräsentativität der Daten wie auch auf deren Verwendbarkeit als Mikrodatensatz

entscheidende Vorteile. Auch wenn man in einzelnen Fällen die Zugehörigkeit zu

einer Branche mit spezifischen Lehrberufen gleichsetzen konnte, sind gerade grössere

Unternehmungen häufig in vielen Lehrberufen ausbildend tätig, was die Interpretation

der Daten ohne diese zusätzliche Information erschwert hatte. So war es vor diesen

lehrberufsspezifischen Erhebungen nicht eindeutig klar, ob die grösseren Betriebe

generell teurer ausbildeten oder sich diese nur auf teurere Berufe spezialisiert hatten.

Die neuen Daten erlaubten es zu zeigen, dass sich die Nettokosten der Ausbildung

sowohl zwischen den einzelnen Lehrberufen, als auch beispielsweise nach

Firmengrösse innerhalb eines bestimmten Lehrberufes stark unterscheiden. Zudem

erlaubten erst die lehrberufsbezogenen Datenerhebungen Aussagen, welche für die

Bildungspolitik und Wirtschaft von realem Interesse waren.

4. Der vierte Entwicklungsschritt bei den Datenerhebungen bezog sich auf die nicht

ausbildenden Betriebe. Die bis im Jahr 2000 ausschliesslich auf die ausbildenden

Betriebe bezogenen Erhebungen dienten dem Zweck, die Ausbildungskosten so

akkurat als möglich abbilden zu können. Zur Frage, weshalb gewisse Betriebe sich in

der Lehrlingsausbildung engagieren und andere nicht, konnten diese Daten aber keine

Hinweise geben. In einer Situation, in der die Lehrstellenlücke in den

deutschsprachigen Ländern weit davon entfernt war, geschlossen zu sein, interessierte

aber vor allem die Frage, weshalb sich viele Betriebe nicht in der Ausbildung

10

engagierten. Die Angaben zu den ausbildenden Betrieben konnten hierzu keine grosse

Hilfe sein, da davon ausgegangen werden musste, dass sich die ausbildenden von den

nicht ausbildenden Betrieben in vielen Punkten unterschieden. Die bezogen auf das

Jahr 2000 in der Schweiz durchgeführte Erhebung (siehe Schweri et al. 2003) war die

erste Erhebung, welche zeitgleich sowohl bei ausbildenden, wie nicht ausbildenden

Betriebe mit demselben Fragebogen5 Daten erhob. Erst dieser parallele Datensatz von

ausbildenden und nicht ausbildenden Betrieben, die differenzierte Analyse nach

Lehrberufen und die adäquate Abbildung des Nutzens der Lernenden für die

ausbildenden Betriebe während der Lehrzeit erlaubte es, bei der Fragestellung nach

den Determinanten nach der Ausbildungsbereitschaft einen entscheidenden Schritt

weiterzukommen.

4. Erhebungsmethode und Daten

Grundsätzlich wird bei der Erhebung der Kosten und des Nutzens der Lehrlingsausbildung

gleich vorgegangen wie bei administrativen Datenerhebungen. Die Stichprobenziehung, die

Gewichtung der Ergebnisse und andere methodische Aspekte sind für die in der Schweiz

zuletzt durchgeführten Erhebungen in Methodenberichten des Bundesamtes für Statistik

dokumentiert. Bei den Angaben, die von den Betrieben verlangt werden, handelt es sich um

Daten, die Betriebe ebenfalls erheben (würden), wenn sie ein internes Controlling für ihre

Lehrlingsausbildung besitzen (würden), d.h. einige Betriebe konnten die Beantwortung der

Fragen aus ihrem eigenen Controlling ableiten. Die Zuverlässigkeit der Angaben ist somit

weder grösser noch geringer als bei ähnlichen Datensätzen, die administrativ erhoben worden

sind.

Während die Kostendaten einfach zu erheben sind (für eine detaillierte Darstellung des

Modells siehe bspw. Mühlemann et al. 2007, S. 33ff), liegt eine der Schwierigkeiten bei der

Erhebung des Nutzens in der Einschätzung der relativen Produktivität eines Lernenden im

Verhältnis zu der einer ausgebildeten Fachkraft im Betrieb. Wobei zu berücksichtigen ist,

dass die hier festgestellte Varianz in den Angaben nicht einfach nur auf Einschätzungs- oder

Messfehler zurückgeführt werden kann, sondern auch mit der Heterogenität der Lernenden

selbst zu tun hat (siehe auch Abschnitt 7).

5 Mit Ausnahme der Kosten- und Nutzendaten zu den aktuellen Lehrverhältnissen, die natürlich nur bei den

gerade ausbildenden Betrieben erhoben werden konnten.

11

Wie bereits erwähnt weisen die Nettokosten der Ausbildung eine grosse Varianz auf, welche

sowohl durch die unterschiedlichen Lehrberufe als auch durch betriebliche Merkmale

teilweise erklärt werden kann. Ebenfalls interessant sind die unterschiedlichen Nettokosten,

wenn man diese für die einzelnen Lehrjahre bei unterschiedlich langen Lehrverhältnissen

berechnet (siehe Tabelle 1). Die Ergebnisse zeigen, dass die regulierte Länge des

Lehrvertrages ein nicht zu unterschätzender Bestandteil des Ausbildungsentscheides ist. Die

durch den Lehrvertrag verhinderte Mobilität der Lehrlinge während der Lehre gibt den

Firmen die Möglichkeit, ihr Investitionsmuster auf die vorgesehene Länge der Lehre

abzustimmen.6 Die Bedeutung der Länge der Lehre sieht man besonders eindrücklich bei den

vierjährigen Lehrberufen, die in den ersten Lehrjahren deutlich positive Nettokosten

ausweisen, die dann jeweils in der zweiten Hälfte der Lehre oder gar im letzten Lehrjahr

kompensiert werden. Wären diese Lehren bspw. ein Jahr kürzer, würden Betriebe zu Beginn

der Lehre sehr wahrscheinlich weniger in die Ausbildung der Lernenden investieren, weil sich

die Investition sonst nicht mehr auszahlen würde.

Tabelle 1: Nettokosten (-nutzen) in Euro7 über die Lehrzeit nach Lehrdauer (gerundet),

in der Schweiz

Lehrjahre/

Lehrdauer

1. Jahr 2. Jahr 3. Jahr 4. Jahr Total

2-jährige Lehren -3’611 -4’393 -8’004

3-jährige Lehren -1’207 -2’831 -3’844 -7’882

4-jährige Lehren 4’444 1’979 -2’527 -5’156 -1’260

Daten: Mühlemann et al. (2007b)

Dass die heutigen Lehrdauern dem Ausbildungsaufwand und der Komplexität in den

einzelnen Lehrberufen im Durchschnitt gut angepasst ist, zeigt sich dadurch, dass die

durchschnittliche relative Arbeitsproduktivität bei schwierigen Tätigkeiten für alle

Lehrdauern im jeweils letzten Lehrjahr bei 75% liegt.

Das hier dargestellte Beispiel zeigt aber auch die Bedeutung der sozialpartnerschaftlich

ausgehandelten Parameter für eine Berufslehre. Würde die Lehrzeit zu kurz angelegt, so

würde dies ceteris paribus bei gleichen qualitativen Anforderungen an die Ausbildung seitens

6 Für einen theoretischen Aufsatz zur Bedeutung der Regulierung der Länge von Berufslehren siehe bspw..

Malcomson et al. (2003).

7 Die Originalwerte sind in Schweizer Franken. Als Wechselkurs wurde 1 CHF = 0.6 Euro genommen.

12

der Betriebe eher zu negativen Ausbildungsentscheidungen führen. Wenn die Lehrzeit zu

lange angelegt würde, würden der Nettokosten der Ausbildung für einen Betrieb zwar sinken,

ceteris paribus die Bildungsrendite der Lernenden.8 Letzteres könnte dazu führen, dass den

ausbildungswilligen Firmen die Lernenden fehlen.

Im Durchschnitt, so ergab die erste Schweizer Studie, lohnt sich das Anbieten von Lehrstellen

für Betriebe. Der durchschnittliche Nettonutzen pro Lehrverhältnis betrug 2004 in der

Schweiz fast 5'000 Euro. Allerdings gibt es nicht nur Lehrverhältnisse, die mit einem

Nettonutzen abschliessen, rund ein Drittel der Lehrverhältnisse schliesst mit Nettokosten ab.

Wolter und Schweri (2002) hatten schon anhand der 2000er Erhebung gezeigt, dass die

Verteilung der Nettokosten und das Verhalten der ausbildenden Betriebe bezüglich

Ausbildungsintensität und Übernahmeverhalten konsistent zu sein scheint. Während Betriebe

mit einem Nettonutzen eine signifikant höhere Ausbildungsintensität zeigen, war die

Übernahmequote bei denjenigen Betrieben, die Nettokosten aufwiesen, signifikant höher.

Während diese Resultate zeigen, dass in einem System und zu einem Zeitpunkt verschiedene

Ausbildungsstrategien zum Zuge kommen können, weisen die Resultate aber auch darauf hin,

dass bei einer recht grossen arbeitsmarktlichen Flexibilität, wie sie in der Schweiz beobachtet

werden kann, die Zahl der angebotenen Lehrstellen wohl deutlich geringer ausfallen würde,

wenn es nicht einem Grossteil der ausbildungsfähigen und -willigen Betriebe gelingen würde,

ein Lehrverhältnis ohne ungedeckten Ausbildungsaufwand abzuschliessen. Gleichzeitig stellt

sich natürlich die Frage, warum sich bei einem so erfreulichen Ergebnis für die Mehrheit der

Lehrverhältnisse nicht noch mehr Betriebe in der Lehrlingsausbildung engagieren.

5. Kosten und Nutzen und der Ausbildungsentscheid

Die meisten theoretischen Gründe, weshalb Firmen überhaupt in die Lehrlingsausbildung

einsteigen sollen, sind so konstruiert, dass sie auf praktisch alle Firmen in einem bestimmten

System zutreffen müssten. Deshalb sind sie schlecht für die Frage zu gebrauchen, weshalb

eigentlich die Mehrheit der Unternehmen nicht ausbildet. So sind gerade Ansätze wie

beispielsweise jener von Acemoglu und Pischke durchaus dafür geeignet, Aussagen darüber

8 Wenn angenommen wird, dass das Lehrjahr, welches „überflüssig“ wäre, vom Betrieb lediglich zur

Aufbesserung seines Nettonutzens gebraucht würde und somit dem Lernenden weder mehr Humankapital noch

später einen höheren Lohn generieren würde. Dass diese Hypothese real ist, zeigt eine holländische

Untersuchung von Oosterbeek und Webbink (2007).

13

zu machen, weshalb in gewissen wirtschaftlichen Systemen (Ländern) Berufsbildung

vorkommt, in anderen aber nicht. Für einzelbetriebliche Vorhersagen eignen sich die Theorien

nur bedingt, weil theoretisch nicht klar ist, weshalb innerhalb eines wirtschaftlichen Systems

und rechtlichen Rahmens gewisse Branchen oder Betriebe Nutzen aus der

Lehrlingsausbildung (nach der Ausbildung) ziehen können und andere nicht.

Studien, die in der Vergangenheit das Verhalten der nicht ausbildenden Unternehmer zum

Gegenstand hatten oder vom Verhalten ausbildender Betriebe auf jenes der nicht ausbildenden

schliessen wollten, waren ausschliesslich qualitativ orientiert und dementsprechend bezüglich

der Möglichkeiten, Antworten im Bereich der ökonomischen Determinanten des

unternehmerischen Ausbildungsentscheides zu finden, ziemlich eingeschränkt.

In dieser Hinsicht hat die Studie von Wolter et al. (2006) Neuland beschritten, weil es ihr im

Gegensatz zu den herkömmlichen Kosten-Nutzen-Studien gelang, gleichzeitig eine

Stichprobe von nicht ausbildenden Unternehmen nach denselben Kriterien zu untersuchen

und damit verbesserte Aussagen über die Unterschiede zwischen ausbildenden und nicht

ausbildenden Firmen zu machen.9 Die Studie schätzte mittels Selektionsmodellen die Kosten

und den Nutzen der Lehrlingsausbildung während der Lehre für heute nicht ausbildende

Unternehmen und kommt zum Schluss, dass (1) die nicht ausbildenden Unternehmen im

Durchschnitt positive Nettokosten bei der Ausbildung zu erwarten hätten, (2) die erwarteten

Nettokosten, von Einzelfällen abgesehen, im positiven Bereich liegen und (3) die

ungünstigere Kosten-Nutzen-Relation weniger von höheren Bruttokosten der Ausbildung

herrühren würden als von einem fehlenden Nutzen (siehe Tabelle 2). Der produktive Beitrag

der Lehrlinge in nicht ausbildenden Unternehmen wird auf rund einen Drittel des Wertes bei

ausbildenden Unternehmen geschätzt. Die Ausbildungsentscheidung der Unternehmen

scheint, glaubt man diesen Ergebnissen, mehrheitlich davon abzuhängen, ob für einen

potentiellen Lehrling im Betrieb Arbeit gefunden werden kann, welche eine Wertschöpfung

generiert, die die Kosten der Ausbildung rechtfertigen würde.

Tabelle 2: Nettokosten, Bruttokosten und produktive Erträge pro Lehrverhältnis (in Euro)

in der Schweiz10

9 Eine Replikation der für die Schweiz gemachten Analysen mit deutschen Daten findet sich in Walden (2007).

Dazu ist allerdings anzumerken, dass die Vergleichbarkeit der Ergebnisse nicht überall gegeben ist, da vor allem

die Selektionsmodelle anders operationalisiert wurden, was einen zu erwartenden Einfluss auf die Endergebnisse

hat.

10 Bruttokosten und produktiver Ertrag können nicht direkt zu Nettokosten verrechnet werden, da sie einzeln

geschätzt wurden (siehe dazu die Erklärungen in Wolter et al. 2006).

14

Nettokosten Bruttokosten Produktiver Ertrag

Alle Firmen 16'944.27 61'479.89 36'172.19

Ausbildende Betriebe -3'704.55 52'465.96 55'148.41

Nicht ausbildende Betriebe 25'437.05 65'184.71 28'371.24

Daten: Wolter et al. (2006), S. 258-259

Über dieses Resultat lässt sich auch leicht erklären, weshalb bei den nicht ausbildenden

Firmen signifikant häufiger Firmen mit einem mehrheitlich unqualifizierten Mitarbeiterstamm

und solche mit Mitarbeitenden, die vorwiegend tertiär qualifiziert sind, gefunden werden. Die

erste Kategorie deshalb, weil die Wertschöpfungshöhe bei ihnen zu tief wäre und die zweite

Kategorie wegen des Fehlens von Arbeit, die auch durch einen Lehrling zu erledigen wäre.

Weiter zeigt sich auch, dass nicht ausbildende Betriebe (obwohl zum gleichen Zeitpunkt wie

die ausbildenden Betriebe befragt) häufiger über ein ungünstiges konjunkturelles Umfeld und

tiefere Umsatzerwartungen klagten, was wiederum die These eines fehlenden Nutzens stützen

würde.

Die weiterführende Analyse von Mühlemann et al. (2007a) zeigte zudem, dass ein positives

Kosten-Nutzenverhältnis der Ausbildung während der Lehrzeit zwar den

Ausbildungsentscheid einer Firma signifikant beeinflusst, dass aber die Anzahl ausgebildeter

Lehrlinge nicht stark darauf reagiert. Dies wird einerseits damit zusammenhängen, dass

kleinere Betriebe, die meistens einen Nettonutzen aus der Ausbildung erzielen, aufgrund ihrer

Firmengrösse nicht mehr Lehrlinge einstellen können. Würden sie es tun, wäre

wahrscheinlich aufgrund von Sprungfixkosten mit einem derart starken Anstieg der

Nettokosten zu rechnen, dass sich die Ausbildung für einen zusätzlichen Lernenden nicht

mehr lohnen würde. Andererseits beobachtet man bei den grösseren Betrieben mit

Nettokosten während der Ausbildung, dass sich diese Nachfrage nach Lehrlingen einzig und

alleine an der Zahl mittelfristig benötigter Fachkräfte ausrichtet. Letzteres bedeutet, dass

wenn die Nettokosten sinken (aber immer noch Kosten darstellen), deswegen nicht mehr

Lehrlinge eingestellt werden, da sich die Übernahme von Nettokosten ja nur dann mittelfristig

auszahlt, wenn diese Lehrlinge später auch im Betrieb beschäftigt werden können. Die

Untersuchung des Einflusses der Nettokosten einer Ausbildung auf den

Ausbildungsentscheid, sowie die Elastizität des Ausbildungsplatzangebotes, hat nicht zuletzt

eine entscheidende Bedeutung für die Frage, ob mittels öffentlicher Unterstützung oder

Quersubventionen zwischen ausbildenden und nicht ausbildenden Betrieben das

Lehrstellenangebot gefördert werden könnte (siehe Abschnitt 7).

15

6. Bildungssystem, Lehrlingsangebot und -qualität

Es ist leicht einsichtlich, dass die Nettokosten der Ausbildung zu einem nicht unerheblichen

Teil von der Qualität der Lehrstellenbewerbenden abhängen. Der Ausbildungsentscheid ist

somit nicht ein Entscheid, bei dem lediglich betriebliche Faktoren in Betracht gezogen

werden. Sinkt die Qualität der Bewerber, muss dies durch eine erhöhte innerbetriebliche

Ausbildungstätigkeit aufgefangen werden, was die Ausbildung verteuert.11 Übersteigt dieser

Aufwand ein gewisses Mass, wird ganz auf die Ausbildung verzichtet, weil sie ein

Verlustgeschäft wäre. Die Qualität der Bewerbenden hängt einerseits von der Qualität des

schulischen Systems ab, andererseits aber auch von den schulischen Alternativen auf der

Sekundarstufe II. Lehrlingsausbildung ist auch in Ländern mit einer langen

Berufsbildungstradition nicht die einzige Ausbildungsalternative für Jugendliche und somit

auch nicht die einzige Form für Betriebe, an qualifizierte Mitarbeitende zu gelangen. Aus der

Sicht der Betriebe hat dies zumindest zwei Folgen:

Erstens muss ein Betrieb die Attraktivität der typischen dualen Berufslehre immer im

Vergleich zu den vorhandenen Alternativen, sei es Training on-the-job, sei es die

vollschulische Berufslehre oder eine vollschulische akademisch orientierte Ausbildung,

beurteilen (siehe dazu bspw. auch Ryan 2000). Gerade bei Ausbildungen, die während der

Lehrzeit eine noch ungedeckte Investition darstellen, sind – aus betrieblicher Sicht gesehen –

kostenlose staatliche Ausbildungsalternativen bei gleicher Qualität der Ausbildung natürlich

ein Grund, selbst das Ausbildungsangebot zurückzufahren. Eine solche Konkurrenzierung der

betrieblichen Ausbildungsangebote durch staatliche Alternativen lässt sich in den meisten

Ländern mit Berufsbildung beobachten. Zweitens ziehen die alternativen

Ausbildungsangebote auf der Sekundarstufe II häufig die schulisch qualifizierteren Bewerber

an.

In einer Studie, welche die regionalen Unterschiede in Bezug auf Arbeitsmarkt und

Branchenstruktur, aber auch auf Demographie, alternative Schulangebote und Schulqualität

zur Bestimmung der Ausbildungsneigung von Betrieben in der Schweiz heranzog (siehe

Mühlemann und Wolter 2007), konnte gezeigt werden, dass der Ausbau der akademisch

orientierten Ausbildungsgänge auf der Sekundarstufe II die Ausbildungsneigung signifikant

11 Eine Verschlechterung der Qualität der Lernenden durch ein Senken der Lehrlingslöhne zu kompensieren ist

nur in einem geringen Ausmass möglich, wird aber durchaus praktiziert. Dem Senken der Lehrlingslöhne sind

aber Grenzen gesetzt, weil zu tiefe Lehrlingslöhne wiederum nur noch schlechtere Bewerber anziehen würden.

Ähnlich wie bei einem „credit crunch“ ziehen es die Arbeitgeber deshalb eher vor, auf die Ausbildung zu

verzichten, als einen gewissen Mindestlohn zu unterschreiten.

16

senkte. Weiter konnte ein unabhängig davon signifikant negativer Einfluss der Schulqualität

auf der Sekundarstufe I auf die Ausbildungsneigung nachgewiesen werden. Dies bedeutet,

dass wenn die Betriebe aufgrund einer verstärkten Konkurrenz um Schüler auf der

Sekundarstufe II nur noch unter den schlechteren Schulabgängern rekrutieren können, die

Nettokosten der Ausbildung steigen und somit die Ausbildung weniger lohnend wird. Dieses

Ergebnis belegt indirekt noch einmal die Bedeutung der Kosten-Nutzenrelation für den

Ausbildungsentscheid von Betrieben.

7. Eine bildungspolitische Anwendung

In allen deutschsprachigen Ländern hat man in den letzten zehn Jahren mehr oder weniger

ausgeprägte Lehrstellenlücken feststellen müssen, d.h. das Angebot an potentiellen

Lehrlingen überstieg praktisch permanent die Nachfrage. Entsprechend war die

Bildungspolitik gefordert, entweder die Neigung der Betriebe, Lehrstellen anzubieten, durch

geeignete Massnahmen zu erhöhen oder aber durch ein grösseres Angebot an vollschulischen

Ausbildungsmöglichkeiten den Lehrstellenmarkt zu entlasten. Aus Platzgründen wird hier auf

die zweite Möglichkeit und ihre Interdependenz mit der ersten Massnahme nicht weiter

eingegangen. Was die Ausbildungsneigung der Firmen anbelangte, so standen finanzielle

Anreize für ausbildende Betriebe im Vordergrund, entweder durch eine Subventionierung der

Ausbildungsleistung mit öffentlichen Mitteln oder durch eine Steuer auf nicht ausbildende

Betrieben, deren Einkünfte dann an die ausbildenden Betriebe umverteilt würden. Die bislang

präsentierten empirischen Analysen ermöglichen es zumindest für den schweizerischen Fall,

die Auswirkungen auf die Ausbildungsneigung und die Kosten einer solchen Massnahme zu

simulieren. Aufgrund der festgestellten Inelastizität (siehe Mühlemann et al. 2007a), mit der

die Nachfrage nach Lehrlingen bei den bereits ausbildenden Betrieben auf Veränderungen in

der Kosten-Nutzen-Relation reagiert, könnte ein Erhöhung des Lehrstellenangebotes nur

durch eine Neuaufnahme der Ausbildungstätigkeit durch bislang nicht ausbildende Betriebe

erreicht werden. In Tabelle 3 sind die berechneten Kosten einer solchen Massnahme in

Abhängigkeit der zusätzlich zu schaffenden Lehrstellen dargestellt. Für den schweizerischen

Fall entsprach die Zahl 8'000 zusätzliche Lehrstellen (ca. +10%) in etwa der Lücke, die

jährlich seit 2000 festgestellt worden war. Die relativ hohen Kosten von fast 10'000 Euro pro

zusätzlich geschaffener Lehrstelle kommen nur zu einem kleinen Teil von der benötigten

Subvention, um nicht ausbildende Firmen für eine Ausbildung zu motivieren, zu über vier

17

Fünfteln stammen sie von den Mitnahmeeffekten der schon ausbildenden Firmen. Da die

Behörden realistischerweise nicht ex ante feststellen können, welche Unternehmung auch

ohne Subventionierung ausbilden würde und welche nicht, muss die Subvention an praktisch

alle ausbildenden Betriebe fliessen. Da aber jene Betriebe, die auch ohne diesen finanziellen

Zuschuss ausgebildet hätten, wegen der Subventionierung nicht mehr Lehrlinge ausbilden,

verpufft der grösste Teil der Mittel ohne Wirkung.12 Die Kosten für eine zusätzliche

Lehrstelle würden somit rund dem dreifachen Jahresbetrag für die Berufsschulbeiträge

entsprechen, die sich Kantone sich in der Schweiz untereinander bezahlen.

Tabelle 3: Kosten einer Lehrstellenförderung durch Subventionen (in Euro), Simulation

für die Schweiz

Anzahl neuer

Lehrstellen

Totalkosten der

Subventionen (in Mio. Euro)

Subvention pro neu geschaffene

Lehrstelle (in Euro)

1’000 9.48 9'455

8’000 83.82 10’478

10’000 107.7 10’770

Daten: Mühlemann et al. 2007a, S. 19

Ob die hier präsentierten Simulationen tatsächlich Realität geworden wären, kann nicht

überprüft werden, da die Schweiz von einer solchen Massnahme Abstand genommen hatte.

Glaubt man aber den ersten Evaluationen des so genannten „Blum-Bonus“ in Österreich, so

ist die Übereinstimmung der Ergebnisse doch frappierend.13 Neben den durch die

Mitnahmeeffekte ohne Wirkung verlorenen Mittel kommt hinzu, dass vor allem in den schon

überlaufenen Modeberufen zusätzliche Lehrstellen geschaffen wurden, bei denen schon vor

dem Bonus ein günstiges Nettokostenverhältnis vermutet werden musste, während in den

Berufen, in denen zwar Facharbeitermangel herrscht, die Ausbildung aber sehr teuer ist, nur

wenige zusätzliche Lehrstellen geschaffen worden sind.

Da, wie in Kapitel 5 gezeigt wurde, nicht unbedingt die zu hohen Ausbildungskosten, sondern

eher der fehlende Nutzen aus der Lehrlingsausbildung nicht ausbildende Betriebe von der

Ausbildung abhält, wären sinnvolle Steuerungsversuche eher dort zu erwarten, wo die

Nutzenseite positiv beeinflusst werden könnte. So wäre es sicherlich viel versprechender,

12 Die Berechnungen sind konservativ angelegt, d.h. sie beinhalten keine administrativen Kosten für die

Mittelumverteilung, die im Realfall noch hinzukämen.

13 Seit 2005 erhalten in Österreich Betriebe für zusätzliche Lehrstellen einen Bonus von 8400 Euro. Mit diesem

Betrag wurden rund 5.7% mehr Lehrstellen geschaffen. Die gesamten Kosten dieser zusätzlichen Lehrstellen

belaufen sich auf rund 100 Mio. Euro jährlich und es wird geschätzt, dass rund 75% dieser Ausgaben

Mitnahmeeffekte sind (siehe bspw. Studie der Arbeiterkammer Niederösterreich (2007):

http://noe.arbeiterkammer.at/pictures/d57/lehrstellenmarkt_studie.pdf)

18

durch Verbünde von Betrieben, die den Lernenden nur in Einzelsegmenten einer Ausbildung

gewinnbringend einsetzen könnten, sich aber gegenseitig ergänzen würden, die Kosten der

Ausbildung auf mehrere Betriebe aufzuteilen. So könnte der einzelbetriebliche Anteil an den

Ausbildungskosten auf eine Grösse gesenkt werden, der gemessen am zu erwartenden Ertrag

gerechtfertigt werden könnte.

8. Schlussfolgerungen

Die jüngsten Untersuchungen mit direkten Kosten-Nutzenerhebungen zeigen deutlich, dass

mit diesen Daten das Ausbildungsverhalten der Firmen besser beschreibbar und somit auch

vorhersehbarer wird als mit den früheren Untersuchungen, die sich nur auf generelle

Firmenmerkmale stützen konnten. Schon mit den heute vorliegenden Daten gelingt es, die

Ausbildungsentscheide und das Ausbildungsverhalten der Betriebe besser zu verstehen und

gleichzeitig bessere Interventionsstrategien für wirtschafts- und bildungspolitische

Steuerungsentscheide zu entwickeln.

Aus den bislang gemachten Analysen kann man zwei Schlussfolgerungen ableiten, welche für

die ökonomische Theorie, wie auch für die Bildungspolitik von Bedeutung sind. Erstens zeigt

sich, dass der Ausbildungsentscheid bei der betrieblich basierten Berufsbildung sich zu einem

grossen Teil im Rahmen der klassischen Humankapitaltheorie von Becker erklären lässt.

Obwohl auch in der Schweiz rund ein Drittel der Lehrverhältnisse mit Nettokosten enden und

somit auf einen Nutzen nach der Lehre angewiesen sind, ist noch nicht klar, ob sich die

Rationalität des Ausbildungsentscheides in diesen Fällen eher durch Erweiterungen der

Humankapitaltheorie wie der Annahme imperfekten Wettbewerbs auf den Arbeitsmärkten

erklärt, oder ob nicht auch hier die Erklärung greifen würde, dass es sich vor allem um

betriebsspezifisches Humankapital handelt. Die neuesten Analysen in der Schweiz (siehe

Mühlemann et al. (2007b) deuten auf jeden Fall in die Richtung, das betriebsspezifisches

Humankapital durchaus eine wichtige Rolle bei jenen Betrieben spielt, die bereit sind, grosse

Nettokosten in der Ausbildung auf sich zu nehmen.

Zweitens relativieren diese Erkenntnisse auch die Bedeutung von Arbeitsmarktregulierungen

für das Berufsbildungssystem. Sich der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes mit dem

Argument zu widersetzen, dass damit das betrieblich basierte Berufsbildungssystem zerstört

würde, macht so lange keinen Sinn, wie man bereit ist, die institutionellen

Rahmenbedingungen der Lehrlingsausbildung, sowie die Passung auf die allgemeinbildenden

19

Zweige des überobligatorischen Bereichs des Bildungssystems so zu gestalten, dass es einem

Grossteil der Betriebe möglich ist, ein Lehrverhältnis ohne ungedeckte Ausbildungskosten

abzuschliessen.

Schliesslich sei abschliessend darauf hingewiesen, dass die Messung der Ausbildungskosten

und des -nutzens aus betrieblicher Sicht dringend um Daten über die Qualität und die

Qualifikationen der Lernenden ergänzt werden sollte. Die Fortschritte, die man in der

Arbeitsmarktökonomie mit employer-employee-matched Datensätzen gemacht hat, liessen

sich damit auch auf die Berufsbildung übertragen. Damit würde es einerseits möglich, die

Heterogenität in den Nettokosten zwischen Lehrbetrieben, selbst bei gleichem Lehrberuf,

besser zu erklären und somit auch die Bedeutung der schulischen Qualität für das

Lehrstellenangebot mit Daten zu unterlegen. Zweitens dürften solche Daten auch helfen, nicht

nur den Ausbildungsentscheid, sondern auch die Ausbildungsstrategie der Betriebe besser

erfassen zu können und somit viel zum Verständnis der Funktionsweise der Berufsbildung

beitragen. Fortschritte in der empirischen Kosten-Nutzen-Messung der Lehrlingsausbildung

dürften somit potentiell auch für das theoretische Verständnis des betrieblichen Verhaltens in

Ausbildungsfragen weiterhin von grossem Nutzen sein.

20

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Umsetzung und Anwendungen
(Englisch)
The project generates data to be used in the national statistics on the financing of education (Federal Office of Statistics). The knowledge generated will also serve to better understand the functioning of the market for apprenticeship training and help the political authorities to pilot the educational system and fight inefficiences in the system. Additionally the information will also serve the (potential) training compa-nies to benchmark their own training system.