Die Strasse ist ein öffentlicher Raum, wo Menschen mit verschiedenen Interessen aufeinander treffen. Aufgrund der unterschiedlichen Nutzungsmotivationen sind Aggressionen im Verkehr fast unvermeidlich. Dass die Thematik von zunehmender Relevanz ist und sich auch in der öffentlichen Wahrnehmung manifestiert hat, zeugen Umfragen, die darlegen, dass Fahrzeuglenker solche Aggressionen erleben. Nach der Meinung von befragten Automobilisten in Grossbritannien ist sich sogar eine Mehrheit einig, dass sich das Verhalten der Fahrzeugführer in den letzten Jahren verschlechtert hat. Die zunehmende Dringlichkeit der Problematik zeigen auch die Medienberichte über vorwiegend junge, männliche Raser, die mit ihrem Fahrstil sich selber aber auch Unbeteiligte in Gefahr bringen.
Die Hintergründe für vermehrtes aggressives Verhalten im Verkehr sind vielschichtig und komplex. Es sind insbesondere gesellschaftliche Rahmenbedingungen, individual-psychologische Charaktermerkmale aber auch bauliche und gesetzgeberische Gründe, welche zur Zunahme von Aggressionen im Verkehr führen.
Erste Recherchen haben gezeigt, dass Aggressionen im Verkehr als Forschungsthema noch weitgehend vernachlässigt sind, was vor allem mit der Komplexität des Themas zu begründen ist. Zudem gestaltet sich die Abgrenzung zu verwandten Themen wie etwa Risikoverhalten oder rücksichtsloses Verhalten nicht einfach. Da zumeist verschieden starke Partein bei Aggressionen im Verkehr involviert sind (etwa Auto gegen Fahrrad), lässt sich der Diskurs auch aus einer machtspezifischen Perspektive her betrachten. Zusätzlich weist das Thema Berührungspunkte zur Gewalt im öffentlichen Raum auf.
Da insbesondere in der Schweiz Aggressionen im Verkehr keinen zentralen Forschungsschwerpunkt darstellt, ist der Forschungsbedarf gross. Das vorliegende Projekt versucht der Komplexität des Themas Rechnung zu tragen, indem es sich interdisziplinär und mit Einbezug verschiedener Methoden den verschiedenen Aspekten und Auswirkungen von aggressiven Verhalten im Verkehr widmet. Auf dieser ganzheitlichen Perspektive beruhend können neue Erkenntnisse gewonnen und erste Lösungsvorschläge entwickelt werden. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Situation in der Schweiz und auf den (sprach)-regionalen Unterschieden.
Im Einzelnen stützt sich die Untersuchungsanlage auf verschiedene Quellen ab. Die Auswertung von Zeitungsberichten gibt Hinweise über die öffentliche Wahrnehmung des Diskurses. Der Miteinbezug von Fachzeitschriften und -literatur zeigt wie auf der eher theoretischen Ebene das Problem wahrgenommen wird und allenfalls erste Massnahmen diskutiert werden. Interviews mit Expertinnen und Experten im Bereich Verkehr und Verkehrsdelikte zeigen aus einer praxisorientierter Perspektive, wie aggressives Verhalten wahrgenommen wird und welche Massnahmen dagegen allenfalls bereits erprobt werden. Nebst dem Expertisenwissen und -verhalten interessiert uns zusätzlich, wie die direkt Betroffenen – verschiedene Gruppen von Verkehrsteilnehmenden respektive ihre Interessensvertreter – Aggressionen im Verkehr erleben.
Aus der Zusammenfassung aller Befunde arbeitet das Projektteam Empfehlungen heraus, welche für Experten im Bereich der Verkehrssicherheit der öffentlichen Hand, der Wissenschaft und der Öffentlichkeit relevant sein können.
Das Projektteam besteht aus Personen unterschiedlicher Fachrichtungen. Es gelingt so, Aggressionen im Verkehr aus verschiedenen Perspektiven kompetent zu bearbeiten. Die regelmässig geplanten Sitzungen mit der Begleitkommission dienen nicht nur dazu, diese über den Stand des Forschungsvorhabens zu informieren, sondern vielmehr dazu, beizeiten und gezielt das Projekt in einem korrektiven Sinne abzustimmen.